Mehr als Kommerz - Merkel beendet ihre Lateinamerikareise

Matthias Knecht - Mexiko Stadt. Wofür der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt einst Jahre benötigte, erledigte Angela Merkel in einer Woche: die Erforschung Lateinamerikas. Zum Abschluss ihrer Reise am Montag (Ortszeit) in Mexiko zeigte sich eine ermüdete, aber beeindruckte Bundeskanzlerin den Medien. "Größere Aufmerksamkeit" wünsche sie den Beziehungen Deutschlands mit Lateinamerika zu widmen.

Der Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen Deutschlands mit dem Subkontinent war dabei einer der Schwerpunkte der bisher längsten Auslandsreise Merkels. Neben den beiden lateinamerikanischen Wirtschaftsriesen Brasilien und Mexiko besuchte die Kanzlerin Peru, wo sie am EU-Lateinamerikagipfel teilnahm, sowie das konservativ regierte Kolumbien. Länder mit sozialistischen Tendenzen ließ sie hingegen links liegen, so etwa Venezuela, Ecuador und Bolivien.

Merkels Erkundungsreise aufs Wirtschaftliche zu reduzieren, greift jedoch zu kurz. Das zeigt schon die diesmal bescheidene Wirtschaftsdelegation im Gefolge der Kanzlerin, die sich auf mittelständische Unternehmer beschränkte. Einige von ihnen zeigten sich zum Abschluss der Reise skeptisch über die Marktchancen in Lateinamerika. Denn der Kontinent ist zersplittert, die bürokratischen Hürden sind immens, und die geplanten Freihandelsabkommen der EU mit dem (südamerikanischen) Mercosur sowie dem Andenpakt kommen nur schleppend voran.

Merkel selbst machte mehrmals deutlich, dass es ihr auch darum ging, politische Bündnispartner auf dem internationalen Parkett zu gewinnen. Und die fand sie, allen voran in Mexikos konservativem Präsidenten Felipe Calderón. Mexiko und den vier weiteren großen Schwellenländern Brasilien, Südafrika, China und Indien wünscht Merkel zukünftig eine größeres Gewicht bei globalen Themen einzuräumen, wie etwa dem Klimaschutz oder der Ernährungssicherheit. Ob Merkels Umarmungsstrategie aufgeht, wird sich am nächsten G8-Gipfel im Juli in Japan zeigen. Dann werden auch die fünf Schwellenländer mit am Verhandlungstisch der acht führenden Wirtschaftsnationen sitzen.

Sicher ist, dass Merkel in Südamerika mit offenen Armen empfangen wurde. Sie selbst zeigte sich laut ihren Reisebegleitern überrascht über die große Sympathie, die Deutschland im Subkontinent genießt. Beigetragen dazu hat nicht nur der legendäre Naturforscher von Humboldt (1769 - 1859), sondern in der jüngeren Geschichte auch die deutsche Wirtschaft. So war etwa in Brasilien Volkswagen das erste Unternehmen, das eine Arbeitnehmervertretung einführte. Genau dort, bei VW do Brasil, begann der heutige sozialdemokratische Präsident Inácio Lula einst seine Karriere als Gewerkschaftsführer.

Will Merkel den Sympathiebonus der Deutschen in Lateinamerika weiter nutzen, muss sie glaubwürdig bleiben. Widersprüchlich bleibt darum das von Merkel in Brasilien unterzeichnete Energieabkommen, das von den deutschen Hilfswerken prompt kritisiert wurde. Sie befürchten einen weiteren Ausbau von Agrosprit, auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion. Das verträgt sich schlecht mit Merkels Bekenntnis für mehr Ernährungssicherheit.

Beigetragen hat die Kanzlerreise auch dazu, das oft einseitige Lateinamerikabild in Deutschland zu korrigieren. Positiv überrascht zeigten sich Wirtschaftsvertreter und Mitglieder der Kanzlerdelegation insbesondere über Kolumbiens Fortschritte bei der Sicherheit. Merkel mahnte bei der Gelegenheit auch die Menschenrechte an und forderte, deren Verletzungen aufzuklären.

Eine Annäherung scheint es am Rande des Limagipfels auch zu den sozialistisch orientierten Ländern gegeben zu haben, die nicht auf der Reiseroute der Kanzlerin lagen. Ecuadors Linkspräsident Rafael Correa etwa gelang es offenbar, sich vom Populismus seines venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez abzugrenzen und mit seinem Sachverstand die Kanzlerin zu beeindrucken. Und selbst Kuba darf auf eine differenziertere Beurteilung in Deutschland hoffen, nachdem sich Chiles sozialdemokratische Präsidentin Michelle Bachelet dafür gegenüber Merkel einsetzte.

Mercosur: Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay sowie geplant Venezuela.
Andenpakt: Peru, Bolivien, Ecuador, Kolumbien