San José. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen waren in Guatemala am Sonntag 5,9 Millionen Wahlberechtigte dazu aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Beherrschendes Wahlkampfthema war bis zuletzt die epidemische Alltagsgewalt in dem mittelamerikanischen Land. Als Favoriten unter den 14 Kandidaten gelten der Sozialdemokrat Álvaro Colom und der Ex-General Otto Pérez Molina. Während der 56-jährige Colom für Sozialprogramme und Justizreform plädiert, setzt der gleichaltrige frühere Geheimdienstchef Pérez Molina auf Notstandsrecht und die Wiederanwendung der Todesstrafe. Zwischen den beiden wird es laut Meinungsumfragen zu einer Stichwahl Anfang November kommen. Ein Sieg der Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú gilt hingegen als unwahrscheinlich. Sie ist die erste indianische Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte des knapp zur Hälfte von Nachfahren der Maya bewohnten Landes.
Der Zugang zu den rund 2000 Wahllokalen des Landes war laut Mitteilung der Behörden von Sonntagmorgen offen. Er wurde von mehr als 30 000 Soldaten und Polizisten gesichert. Für die mehrheitlich als arm geltenden Bewohner Guatemalas (52 Prozent) war zudem der öffentliche Transport am Wahltag gratis. Das generelle Alkoholverbot während der Wahlen wurde laut Medienberichten überwiegend eingehalten.
Die Europäische Union hat am Vorabend der Wahl zu einem Verzicht auf Gewalt appelliert. "Wir hoffen, dass die Wahlen friedlich sind und dass es kein Blutvergießen gibt", sagte in Guatemala Stadt der Chef der EU-Wahlbeobachterkommission, Wolfgang Kreissl-Dörfler. Im Vorfeld der Wahl war es zu mehr als 50 mutmaßlich politisch motivierten Morden gekommen.
In Guatemala Stadt zirkulierten am Vorabend der Wahl Flugblätter unbekannter Herkunft, die vor Wahlfälschung warnten.
Gewählt wurden am Sonntag auch der Vizepräsident, die 158 Parlamentsabgeordneten sowie 332 Gemeinderäte und Bürgermeister. Der amtierende Präsident Oscar Berger darf gemäß Verfassung nicht zur Wiederwahl antreten.