"Diese Wahlen sind die letzte Chance für Guatemala", heißt es beim Hintergrundgespräch in Álvaro Coloms Wahlkampfzentrale. Das heißt es auch auf der Straße, wo sich niemand darüber wundert, dass der Gemüselieferant seine Ware mit Maschinenpistolen sichert. Täglich sechzehn Morde werden in Guatemala verübt. Dazu jede Menge Entführungen und Überfälle. Niemand weiß, wer die Täter sind. Die Justiz ist überfordert oder unwillig, die Polizei untätig oder selbst in das kriminelle Geschäft verwickelt. Einziges Wahlkampfthema ist damit die epidemische Alltagsgewalt.
Nächsten Sonntag wählen die 5,9 Millionen wahlberechtigten Bürger Guatemalas Präsident, Parlament und Gemeinderäte. Im Rennen um das höchste Amt zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Sozialdemokraten Colom und dem rechtsgerichteten Otto Pérez Molina ab. Wer von den beiden schließlich die Nachfolge des abtretenden Präsidenten Óscar Berger antritt, der steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Denn elf Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges spricht in Guatemala niemand mehr von Frieden, viele aber von „der letzten Chance".
Der Ex-General verspricht "harte Hand" und Notstandsrecht
Pérez Molina von der „Patriotischen Partei" verspricht die „harte Hand". Der pensionierte Armeegeneral setzt dabei auf Notstandgesetzgebung und die Wiedereinführung der seit 2001 ausgesetzten Todesstrafe. Der 57-jährige Pérez Molina hat seine Anhängerschaft in den vergangenen drei Monaten verdoppeln können.
Von der "solidarischen Hand" hingegen spricht Colom, der eine Mitte-Links-Koalition der „Nationalen Hoffnung" anführt. Der 56-Jährige setzt auf eine Justizreform und Sozialprogramme. Denn die Gewalt "hat ihren Ursprung in der Armut und der Ausgrenzung". Mehr als die Hälfte der 13 Millionen Guatemalteken leben laut offizieller Statistik in Armut. Diese trifft vor allem die mehrheitlich indigene Maya-Bevölkerung im Hochland.
Noch mehr Repression lehnt Colom ab: „Wir leben bereits 50 Jahre mit der harten Hand und jetzt bieten sie uns vier weitere an." Damit spielt der Sozialdemokrat auf den früheren Bürgerkrieg Guatemalas an (1960 – 1996), der schätzungsweise 200 000 Todesopfer gefordert hatte, vor allem unter den Indigenen. Die meisten Morde wurden damals von den Sicherheitskräften verübt. Coloms heutiger Wahlkampfgegner Pérez Molina war damals Leiter des militärischen Geheimdienstes in den indigenen Gebieten.
Stichwahl Colom - Pérez Molina wahrscheinlich
Weder Colom noch Pérez Molina werden am Sonntag laut Umfragen auf die für einen Sieg erforderlichen 50 Prozent kommen. Denn insgesamt bewerben sich 14 Kandidaten um die Präsidentschaft. Damit ist absehbar, dass es Anfang Novemer (4.11.) zu einer Stichwahl zwischen den beiden kommt. Währenddessen gewinnt Pérez Molina Woche für Woche an Popularität und liegt inzwischen fast gleichauf mit dem einst haushohen Favoriten Colom.
Sozialforscher Virgillo Álvarez erklärt den Erfolg des pensionierten Armeegenerals mit dem „Autoritarismus als herrschende soziale Kultur" in Guatemala. Gespeist werde diese durch „Armut, tiefe Bildung und Konservatismus".Sehr beliebt ist die „harte Hand" bei den Unter-24-Jährigen, die im geburtenstarken Guatemala 20 Prozent der Wähler ausmachen, und wo die Erinnerungen an den Bürgerkrieg schwach sind. Zunehmend beliebt ist Pérez Molina aber auch im Maya-Hochland, zeigen Wahlstudien.
Chancenlos geblieben ist hingegen die erste indigene Präsidentschaftskandidatin Guatemalas, die im Ausland bekannte Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú. Mit rund fünf Prozent der Stimmen sagen ihr Umfragen den vierten oder fünften Platz voraus. Laut Wahlforscher Gustavo Berganza sieht sich die Mehrheit der Indigenen „nicht durch Menchú repräsentiert". Viele Maya-Nachfahren würden vielmehr Pérez Molina vorziehen, den sie „als energischen Mann und fähig, die Ordnung wieder herzustellen" wahrnehmen.
Geschwächt wird Menchú auch durch die Uneinigkeit der Indigenen Guatemalas. Die Führung deren grössten Organisation, Conic, arbeitet wegen persönlicher Differenzen nicht mit der Nobelpreisträgerin zusammen. Conic unterstützt stattdessen Colom.
Unterstützt wird Colom inzwischen auch von Amílcar Méndez. Der Pionier in der politischen Organisation der Indigenen Guatemalas spricht ebenfalls von den kommenden Wahlen als „letzter Chance" – und fügt den Nebensatz hinzu, den viele nicht auszusprechen wagen: „die letzte Chance vor einem neuen Bürgerkrieg."