Ana María Pizarro Jiménez ist eine der führenden Köpfe der
Frauenbewegung Nicaraguas. Die gebürtige Argentinierin arbeitet seit
1981 in Nicaragua als Frauenärztin und Gesundheitsforscherin. Die
56-Jährige ist Gründerin des Beratungszentrums „Si Mujer" in Managua
und Vorstandsmitglied des „Movimiento Autónomo de Mujeres". Mit ihren
Forschungsarbeiten über den heimlichen Schwangerschaftsabbruch in
Lateinamerika erregte sie in den 90er Jahren internationales Aufsehen.
Frau Pizarro, Sie sprechen von einer Todesstrafe für Frauen in
Nicaragua. Können Sie das erklären?
Pizarro: Das Gesetz lässt am Leben gefährdeten Schwangeren in
Nicaragua nur zwei Wege: entweder den Friedhof oder das Gefängnis.
Daher der Begriff Todesstrafe für Frauen.
Sie beziehen sich auf den Wahlkampf von Oktober 2006, als das
Parlament das ausnahmslose Verbot des Schwangerschaftsabbruchs
beschlossen hatte.
Pizarro: Kurz darauf gab es die ersten Todesfälle von Frauen. Der
grösste Teil davon sind schwangere Minderjährige, die in ihrer
Verzweiflung Suizid verübt haben, mit Pflanzengift oder Insektiziden.
Es gab auch Fälle von gefährdeten Schwangeren, denen im Krankenhaus
die notwendige Hilfe verweigert wurde. Den Ärzten sind die Hände
gebunden. Ihnen lässt das Gesetz nur einen Weg: das Gefängnis.
Wieviele Frauen sind wegen der Gesetzesverschärfung gestorben?
Pizarro: Im laufenden Jahr (2007) sind 17 Todesfälle belegt. Die
Dunkelziffer ist aber groß.
Sie sind selbst über Ihre Arbeit als Frauenärztin politisch aktiv geworden?
Pizarro: Ich bin 1981 nach Nicaragua gekommen, von Argentinien, wo ich
als Studentin unter der Militärdiktatur vier Jahre in Haft verbracht
hatte. In Nicaragua habe ich dann insgesamt 26 Jahre als Gynäkologin
gearbeitet, auf allen Niveaus. Ich war in den Dörfern und habe
Sprechstunden unter dem Baum abgehalten. Zuletzt war ich Leiterin der
Intensivpflege in der grössten Frauenklinik des Landes, dem
Krankenhaus Bertha Calderon.
Sie arbeiten auch als Beraterin und Forscherin?
Pizarro: In meiner Arbeit als Gynäkologin habe ich erfahren, wie groß
das Leiden der Frauen ist. Vor 16 Jahren habe ich darum das Zentrum
„Si Mujer" gegründet, wo wir seither über 1,5 Millionen Frauen beraten
haben. Und demnächst wird meine neueste Forschungsarbeit publiziert,
über werdende Mütter in Lateinamerika.
Ihre früheren Publikationen hatten Aufsehen erregt. Sie hatten als
eine der ersten den heimlichen Schwangerschaftsabbruch in
Lateinamerika untersucht.
Pizarro: Laut den letzten Untersuchungen dazu in Nicaragua, aus den
90er Jahren, nehmen 36 000 Frauen jährlich einen klandestinen Abort
vor, oft unter riskanten Bedingungen. Sie gefährden ihr Leben und ihre
Gesundheit, weil Ihnen das Gesetz den Zugang zu einem sicheren Abort
im öffentlichen Krankenhaus verweigert.
Das Parlament hat aber eine weitere Gesetzesverschärfung beschlossen.
Warum gibt es keine politische Lösung?
Pizarro: Weil Nicaragua in der Hand von zwei Caudillos ist ...
.... Sie meinen den konservativen Ex-Präsidenten Arnoldo Alemán und
den aktuellen, linksgerichteten Staatschef Daniel Ortega?
Pizarro: Ja. Um ihre aktuellen Pläne für eine Verfassungsänderung
durchzusetzen, benötigen sie die Unterstützung der katholischen
Hierarchie. Es gab ja zwei Abstimmungen zum Schwangerschaftsabbruch,
im Oktober 2006 und im September 2007. Seither ist das ungeborene
Leben über das der Mutter gestellt, entgegen der Verfassung. Damit hat
Nicaragua die politische Agenda des Vatikans unverändert ins Gesetz
übernommen. Beide mal haben sowohl die Abgeordneten der Rechten als
auch die der Sandinisten zugestimmt. Nur die drei Vertreter der
(linksgerichteten Splitterpartei) MRS stimmten dagegen.
Warum gibt es keine Abgeordneten, die die Interessen der
Frauenbewegung vertreten?
Pizarro: Weil unsere Abgeordneten nicht auf die Bedürfnisse des Volkes
eingehen. Sie fühlen sich nur dem Caudillo ihrer jeweiligen Partei
gegenüber verantwortlich.
Spielt da auch die lateinamerikanische Kultur des Machos eine Rolle?
Pizarro: Sicher. Von den 93 Abgeordneten unseres Parlaments haben 30
Verfahren wegen unterlassener Alimentenzahlungen laufen.
Gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts unterstützen Sie auch
eine Klage vor dem Obersten Gerichtshof ...
Pizarro: ..., die seit einem Jahr verschleppt wird. Auch das oberste
Gericht Nicaraguas ist in den Händen der Caudillos. Darum bereiten wir
parallel auch eine Klage vor dem Interamerikanischen
Menschengerichtshof vor. Doch damit die zugelassen wird, muss erst
einmal der nationale Rechtsweg ausgeschöpft sein.