Katastrophenschutz in Entwicklungsländern gewinnen. Ein Dilemma, denn
mit vermiedenem Leid sind keine Schlagzeilen zu machen. Das beweist
derzeit Nicaragua.
ESTELÍ (NICARAGUA)
Die diesjährige Regenperiode in Nicaragua entsprach den düstersten
Voraussagen der Experten zum Klimawandel. Ein Hurrikan und 50 Tage
Dauerregen zerstörten große Teile der Ernte. Die
Welternährungsorganisation FAO warnt vor einer kommenden Hungersnot.
Präsident Daniel Ortega spricht von einer Situation "mit der Pistole
am Kopf" und beantragte am Wochenende im Parlament die Einfrierung der
Schuldzahlungen. Denn das mittelamerikanische Land benötigt aktuell
392 Millionen US-Dollar Soforthilfe. Der Hilferuf verklang ungehört.
Nicaragua ist nur eines von vielen Ländern, in denen sich derzeit
"vergessene Naturdesaster" ereignen, so die britische
Hilfsorganisation Oxfam. Vergessen werden sie, weil immer mehr
Katastrophen in Entwicklungsländern um Spenden und öffentliche
Aufmerksamkeit konkurrieren.
Die Hilfswerke in Deutschland bringt das ins Dilemma. Immer mehr
Mittel gehen in die Nothilfe. Dabei wäre Katastrophenvermeidung
effizienter. „Jeder Euro, der in die Katastrophenvorsorge fließt,
spart sieben Euro im Katastrophenfall", sagt Kerstin Reisdorf vom
Bündnis „Entwicklung hilft", dem Zusammenschluss der fünf großen
Hilfswerke Deutschlands. Deren Pilotprojekte in Mittelamerika zeigen,
dass nicht jedes Naturdesaster zwangsläufig zur Katastrophe werden
muss. Doch mit vermiedenem Leid sind weder Schlagzeilen zu machen noch
Spenden zu gewinnen.
Die zwiespältige Situation erklärt Jürgen Schmitz, Projektleiter der
Deutschen Welthungerhilfe in Estelí, Nicaragua. Trotz der aktuell
„üblen Situation" für die von den Sintfluten heimgesuchten Menschen
spricht der Geologe von einer „äußerst erfolgreichen Arbeit". Im
Norden und Nordwesten des Landes, wo die Welthungerhilfe in den
vergangenen sieben Jahren ein Frühwarnsystem aufgebaut hat, gab es
kein einziges Todesopfer zu beklagen. Schmitz spricht von "ein paar
Hundert geretteten Menschenleben."
Schlagzeilen machte das Pilotprojekt der Welthungerhilfe bisher nicht.
Die gab es dafür zuletzt vor neun Jahren, Damals fegte der Hurrikan
Mitch über Nicaragua, brachte ähnlich viel Wassermassen wie die
Regenfälle dieses Jahres, und forderte unter der völlig
unvorbereiteten Bevölkerung mehr als 3000 Todesopfer. Die Welt nahm
Anteil und spendete Hunderte von Millionen Dollar. Doch viel Geld
verschwand unter der korrupten Regierung des damaligen Präsidenten
Arnoldo Alemán.
Für Schmitz ist die Katastrophenvorbeugung darum auch „Entwicklung von
unten", wie er bei der Besichtigung des Projektes erklärt. Zwölf
solarstrombetriebene Funkstationen hat die Welthungerhilfe entlang des
Gebirgszuges im Norden des Landes, der Cordillera de las Brisas,
installiert. Bedient und gewartet werden sie von ausgebildeten
Fachkräften in den Dörfern, meist Frauen, „denn die sind
zuverlässiger". Deren Funksignale haben soeben ein Gebiet mit 25 000
Einwohnern vor nahenden Flutwellen gewarnt.
Aktiv geworden sind in den letzten Wochen auch die von der
Welthungerhilfe ausgebildeten Rettungsbrigaden. Sie retteten Dutzende
von Familien aus ihren vom Wasser bedrohten Häusern. Besonders wichtig
für Schmitz war, dass die Menschen in den Dörfern „von sich aus mit
den Evakuierungen begonnen haben." Der Geologe führt das auf die
Schulungen zurück, die die Welthungerhilfe in den letzten Jahren in
den Dörfern durchgeführt hat. Er zeigt sich überzeugt, dass das auch
einen Effekt über den Katastrophenschutz hinaus hat: „Je besser an
die Leute von unten ausbildet, desto besser können auch eine korrupte
Regierung oder korrupte Institutionen kontrolliert werden."
Ähnlich wie die Welthungerhilfe betreiben auch die anderen deutschen
Hilfswerke Pilotprojekte zum Katastrophenschutz in Mittelamerika.
„Brot für die Welt" finanziert ein Hochwasserwarnsystem an der
Atlantikküste Nicaraguas. „Misereor" fördert erdbebensichere Bauten in
ländlichen Regionen El Salvadors. Dort arbeitet auch „Terre des
Hommes" an der Katastrophenvorbeugung, mit Bildungsmaßnahmen für
Menschen in gefährdeten Gebieten. Das Hilfswerk „Medico International"
wiederum unterstützt das erdbeben- und hurrikansicher gebaute
Modelldorf „El Tanque" in Nicaragua.
Gemeinsam ist den Projekten, dass die „lokalen Kräfte mobilisiert
werden", erklärt Kerstin Reisdorf vom Bündnis „Entwicklung hilft".
Darum seien „Katastrophenvorsorge und Entwicklungszusammenarbeit zwei
Seiten derselben Medaille". Um die Öffentlichkeit „auch ohne
spektakuläre Bilder" für die Katastrophenvorsorge zu gewinnen,
veranstalten die Hilfswerke am 14. November in Bonn ein Symposium.
Der Titel ist Programm: „Wenn nichts passiert, ist viel erreicht".