Guatemala: Harte Hand gegen solidarische Hand

Knappe Präsidentenstichwahl in Guatemala erwartet

San José. In Guatemala sind am kommenden Sonntag (4.11.) knapp sechs
Millionen Wahlberechtigte zur Stichwahl um die Präsidentschaft
aufgerufen. Die letzten Umfragen lassen eine knappe Entscheidung
zwischen dem Sozialdemokraten Álvaro Colom und dem rechtsgerichteten
Otto Pérez Molina erwarten.

Gewinnt Colom, würde das mittelamerikanische Land erstmals seit über
50 Jahren wieder eine linksgerichtete Regierung erhalten. Der
56-jährige Industrie-Ingenieur will mit "solidarischer Hand" gegen die
extreme Ungleichheit in Guatemala vorgehen. Dazu will er mehr Ärzte
und Lehrer einstellen sowie den als korrupt geltenden Justizapparat
reformieren. Colom kandidiert zum dritten Mal für das höchste Amt in
Guatemala.

Gewinnt der gleichaltrige Pérez Molina, würde Guatemala erstmals seit
dem Ende des Bürgerkrieges vor knapp elf Jahren wieder von einem
Militärvertreter regiert. Der Brigadegeneral a.D. will unter dem
Slogan der "harten Hand" die epidemische Alltagsgewalt eindämmen.
Pérez Molina hatte während Guatemalas Militärdiktaturen der 80er
Jahren hohe Posten in Armee und Geheimdienst bekleidet. An den
damaligen Menschenrechtsverbrechen war er jedoch nach bisherigen
Erkenntnissen nicht direkt beteiligt. Pérez Molina ist
Mitunterzeichner des Friedensvertrages von 1996, der damals einen
36-järhigen Bürgerkrieg beendete.

Der aktuelle Wahlkampf in Guatemala gilt als der aggressivste und
blutigste seit der Demokratisierung des Landes in den 80er Jahren.
Mindestens 50 Menschen sind laut lokalen Wahlbeobachtern in den
vergangenen Monaten politisch motivierten Anschlägen zum Opfer
gefallen. Beide Kandidaten beschuldigen sich gegenseitig, hinter den
Anschlägen und den verbreiteten anonymen Morddrohungen gegen Politiker
der Gegenseite zu stecken.

Wichtigstes Wahlkampfthema ist die grassierende Alltagsgewalt.
Guatemala gilt mit 6000 Morden jährlich als eines der gewalttätigsten
Länder Lateinamerikas. Ursache der Gewalt ist laut den Vereinten
Nationen und anderen Organisationen der internationale Drogenhandel.
Er infiltriert zunehmend Polizei, Justiz und Politik. Zudem breiten
sich im ganzen Land extrem gewalttätige Jugendbanden aus.

51 Prozent der Bevölkerung Guatemalas gilt laut Weltbankstatistik als
arm. Besonders betroffen von Unterernährung, Kindersterblichkeit und
Analphabetismus ist die indigene Bevölkerung, die rund die Hälfte der
13 Millionen Einwohner ausmacht.

Colom und Pérez Molina waren aus der ersten Wahlrunde am 9. September
als die beiden Bestplatzierten unter 14 Kandidaten hervorgegangen. Der
bisherige Präsident Oscar Berger (Mitte-rechts) darf gemäß Verfassung
nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Der Gewinner der Stichwahl
am Sonntag wird sein Amt am 14. Januar antreten.