Mexiko ertrinkt in der eigenen Korruption

Vermeidbare Katastrophe in Tabasco

Im mexikanischen Bundesstaat Tabasco sind die Häuser von einer Million
Menschen überflutet – und es regnet weiter. Den Regen zur Katastrophe
gemacht haben auch mangelnde Vorsorge und Korruption.

San José. „Die Notherbergen sind am Limit", warnte Andrés Granier, Gouverneur
des mexikanischen Bundesstaates Tabasco am Samstag im Fernsehen, und
fuhr fort: „Wir kämpfen gegen ein Monster".

Eine Woche heftiger Dauerregen haben Tabasco die schlimmste
Katastrophe seit 50 Jahren beschert. Laut Regierungsangaben sind die
Häuser von rund einer Million Menschen überschwemmt. 290 000 Personen
harren derzeit auf Dächern, in Bäumen oder anderen Zufluchtsstätten
aus und warten auf Hilfe. Während das Hab und Gut der Menschen in den
Fluten versinkt, wird das Trinkwasser knapp, denn das Leitungsnetz ist
grösstenteils zusammengebrochen. 100 000 Menschen irren zudem ohne
Unterkunft durch die Straßen. In Schulen und anderen Notunterkünfte
drängen sich 69 000 Menschen. Die Behörden befürchten Plünderungen und
Epidemien.

Besserung ist nicht in Sicht. Am Samstag ist über Tabasco die sechste
Tiefdruckstörung in Folge hereingebrochen. Dabei sind in den Tagen
zuvor stellenweise bereits 1200 mm Regen gefallen. Das sind mehr
Niederschläge als in der Schweiz in einem Jahr fallen. Der einzige
Lichtblick: Bisher ist gemäß Gouverneur Granier kein Todesopfer zu
beklagen. Allerdings werden noch Hunderte von Menschen vermisst.

80 Prozent der Hauptstadt unter Wasser

Besonders von den Fluten heimgesucht ist Villahermosa, die
Hauptstadt von Tabasco. 80 Prozent der Häuser sind unter Wasser,
teilweise bis zu sechs Meter tief, gab die Stadtverwaltung bekannt.
Die Fluten erreichten am Freitag die besseren Viertel der
750000-Einwohner-Gemeinde, wo die Einwohner laut lokalen Medien zum
Teil mit Polizeigewalt evakuiert werden mussten.

Mexikos Bundespräsidet Felipe Calderón entsendete in den vergangenen
Tagen Armeeeinheiten und Ärzte nach Tabasco. Er appellierte an die
Solidarität der Mexikaner. Und er gab dem globalen Klimawandel die
Schuld an den Überschwemmungen: „Der Ursprung und der Grund dieser
Katastrophe ist die enorme Veränderung des Klimas."

UNO: Selbst einfachste Schutzmaßnahmen versäumt

Derweil mehren sich die Hinweise, dass die Tragödie von Tabasco
hausgemacht ist. Sie hätte sich mit „einfachen und kostengünstigen
Mitteln" vermeiden lassen, schreiben die Vereinten Nationen in einer
Pressemitteilung. Dazu zählen laut dem UNO-Direktor für
Katastrophenreduktion, Sálvano Briceño, Frühwarnsysteme,
Evakuierungspläne und Schulung der bedrohten Bevölkerung. Doch
bedauerlicherweise „werden nicht die notwendigen Massnahmen ergriffen,
um die ärmste Bevölkerung vorzubereiten und zu schützen".

Die Korruption als wahre Ursache der Überschwemmungen sieht auch die
mexikanische Tageszeitung „La Jornada". Laut deren Recherchen der
vergangenen Tage hat der traditionell hochwassergefährdete Bundesstaat
Tabasco in den vergangenen acht Jahren 1,97 Milliarden Pesos (++
Franken) für Deiche, gefährdete Häuser und andere Investitionen in den
Katastrophenschutz erhalten. Ein großer Teil der Mittel sei
zweckentfremdet eingesetzt oder schlicht von Politikern des
Bundesstaates Tabasco unterschlagen worden.

Ähnliche Vorwürfe äußerte am Samstag im Radio auch der mexikanische
Linkspolitiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Andrés Manuel
López Obrador. Er sagte gegenüber dem Radio zur Katastrophe von
Tabasco: „Das ist nicht Produkt der Natur. Das hat auch mit fehlender
Vorsorge zu tun, vor allem mit dem Fehlen von hydraulischen Werken und
mit der Korruption, die in Tabasco geherrscht hat."