Nicaragua, Liebling der Entwicklungshilfe

Mit dem Revolutionär Ortega begann der Aufstieg Nicaraguas zum bevorzugten Empfängerland europäischer Entwicklungshilfe. Und mit dem Diktator Ortega wird sie enden, mutmasst der Entwicklungsökonom Adolfo Acevedo.

"Nicaragua ist ein privilegiertes Land, was die Entwicklungshilfe betrifft", sagt in Managua der Ökonom Adolfo Acevedo, und rechnet die Zahlen vor. 17 Milliarden US Dollar erhielt das Land seit 1990 von der internationalen Gemeinschaft an Hilfszahlungen und Schuldenerlassen. Derzeit erhält Nicaragua rund 100 US Dollar pro Kopf und Jahr an Entwicklungshilfe. "Das ist ein Mehrfaches dessen, was etwa die wesentlich ärmeren Länder Schwarzafrikas erhalten", sagt Acevedo.

Der Aufstieg Nicaraguas zum Liebling der internationalen Hilfe begann schon früher. 1979 stürzte die sandinistische Revolution den Diktator Anastasio Somoza. Mit dem Comandante Daniel Ortega an der Staatsspitze und dem katholischen Priester Ernesto Cardenal als internationalem Aushängeschild gewann die junge Revolutionsregierung weltweit Sympathien. Tausende von Europäern, darunter auch viele Schweizer, zogen als freiwillige Helfer in das mittelamerikanische Land.

Der lange Marsch vom Revolutionär zum Unternehmer

Doch bald war das Land wieder am Boden. Von den USA finanzierte Gegenrebellen, die Contras, zwangen Nicaragua einen teuren Bürgerkrieg auf. Hinzu kam die chaotische Wirtschafspolitik von Ortega. 1990 betrugen die Inflation 30 000 Prozent und die Staatsschuld astronomische 12,5 Milliarden Dollar. Im selben Jahr verlor Ortega die Wahlen – aber nicht die Macht.

Es folgten 16 Jahre konservative Regierungen, in denen der Internationale Währungsfonds (IWF) Anpassungsprogramme mit umfangreichen Privatisierungen durchsetzte. Ortega war dabei laut dem Ökonomen Acevedo der entscheidende Faktor. Der Sandinistenchef sorgte über seine immer noch mächtige Partei dafür, dass grössere Proteste gegen das IWF-Programm ausblieben. Dafür beteiligte Ortega sich und seine Parteigenossen an den Privatisierungserlösen. Aus den Revolutionären wurden Unternehmer, die bis heute Teile der nicaraguanischen Wirtschaft kontrollieren.

"Enorme Machtkonzentration"

Ende 2006 gewann Ortega wieder die Präsidentenwahlen und kehrte an die Staatsspitze zurück. Dank einer gemeinsam mit den Konservativen durchgesetzten Verfassungsänderung genügten ihm dafür 38 Prozent der Stimmen. Seither baute der Sandinistenchef eine „enorme Machtkonzentration" auf, so Acevedo. Zusammen mit den Konservativen kontrolliert er Justiz und Wahlbehörde, alleine herrscht er über Armee und Polizei – und schränkt die Opposition zunehmend ein.

"Die Geber werden sich zurückziehen"

Heute ist Nicaragua nach wie vor das zweitärmste Land des amerikanischen Kontinents. Fast die Hälfte seiner 5,3 Millionen Einwohner gilt als arm. Doch der Liebling der Entwicklungshilfe wird das Land nicht mehr lange sein, mutmasst Acevedo nach den jüngsten Konflikten mit den europäischen Geldgebern. Er sagt: „Die Geber werden sich aus Nicaragua zurückziehen".