Kolumbien: „Jetzt gehen sie zur totalen Offensive über"

Veröffentlicht: Der Bund (16.7., pdf)

Ingrid Betancourt und 14 weitere Geiseln sind unblutig befreit, die europäischen Vermittler undiplomatisch gefeuert. Kolumbiens Guerillakrieg ist damit nicht beendet, sondern fängt erst richtig an.

Kolumbien setzt den FARC-Rebellen das Messer auf die Brust. „Alles oder nichts" ist gemäß der regierungsnahen Zeitung „El Tiempo" die neue Strategie des konservativen Präsidenten Álvaro Uribe. Entweder lassen sich die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) auf sofortige, direkte und umfassende Friedensverhandlungen ein. Oder Kolumbien erlebt „die grösste bisher gesehene Militäroffensive", kündigte das in solchen Dingen gewöhnlich gut informierte Blatt am Wochenende (13.7.) an.

Die Kursänderung Uribes begann vor zwei Wochen. Am 2. Juli befreite ein Armeekommando in einer Täuschungsaktion Ingrid Betancourt, drei US-Geiseln und 11 weitere Verschleppte aus der Gewalt der FARC. Im Medienrummel um Betancourt ging der nächste Schlag Kolumbiens unter. Die Regierung erklärte letzte Woche die bisherigen gemeinsamen Vermittlungsbemühungen Spaniens, Frankreichs und der Schweiz für gescheitert. Deren Mediatoren Noël Saez und Jean-Pierre Gontard bezichtigte Bogotá der heimlichen Zusammenarbeit mit den FARC und setzte sie vor die Tür.

Der Sicherheitsexperte Alfredo Rangél, Top-Berater von Kolumbiens Verteidigungsministerium, lässt sich die Befriedigung über den Rauswurf der europäischen Vermittler anmerken. Er plädiert nun für eine direkte Vermittlung, ohne ausländische Mediatoren. „Es gibt keine Alternative zum direkten Dialog zwischen Regierung und FARC", erklärt Rangél die neue Linie der Regierung. Sie werde jetzt „mehr Druck ausüben, um Verhandlungen zu erzwingen."

Kontakte ohne internationale Vermittlung schwierig

Doch das Misstrauen zwischen Regierung und FARC ist groß. Mauricio Angel, Senior-Analyst der "International Crisis Group" für Kolumbien, bezweifelt darum, dass der direkte Dialog möglich ist. „Ich weiß nicht, wer diese Kontakte herstellen kann", sagt Angel und fordert darum genau das, was Bogotá soeben ausgeschlossen hat: „Es ist notwendig, dass die internationale Begleitung weitergeführt wird."

Noch weiter geht der Konfliktforscher León Valencia. Er zweifelt grundsätzlich an der von Uribe angekündigten Verhandlungsbereitschaft. Das sei „reine Propaganda", urteilt der ehemalige Guerillakommandant, der nach seiner Abkehr vom bewaffneten Kampf selbst an den Vermittlungsbemühungen mit den FARC beteiligt war. „Dieser Krieg wird weitergehen. Die Regierung geht jetzt zur totalen Offensive über", sagt Valencia voraus. Grund dafür sei eine „große Euphorie" bei Kolumbiens Militär, nachdem es den FARC empfindliche Niederlagen bereitete.

"Die Leute dessertieren in Massen"
Tatsächlich ist die älteste Guerillagruppe Lateinamerikas geschwächt wie selten in ihrer nunmehr 44-jährigen Existenz. 20 000 Kämpfer hatten die FARC, als Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe 2002 erstmals sein Amt antrat. Zwischen 8000 und 11 000 sind es heute. Dabei verloren die FARC ein Dutzend bedeutender Kommandanten, darunter ihren Chef und Begründer Manuel Marulanda, ihren außenpolitischen Sprecher Raúl Reyes sowie Iván Ríos, die alle im März starben. Im vergangenen Mai ergab sich noch Kommandantin „Karina" den Behörden. Sie soll den Vater des heutigen Präsidenten Uribe ermordet haben.

„Die FARC haben viele Leute verloren, sie haben Territorium verloren", beschreibt Analyst Angel die Lage der Guerilla. Entsprechend geknickt sei die Moral. „Der Kampfgeist bricht. Die Leute dessertieren in Massen".

"Autistische Organisation"
Doch zweifelhaft ist, ob die FARC ihre eigene Situation realistisch einschätzen. Betancourt bezeichnete Kolumbiens Linksguerilla letzte Woche als „autistische Organisation", ohne jeden Realitätsbezug. Und Konflikt-Experte Angel fragt vielsagend: „Wie schätzen die FARC ihre eigene Lage ein? Sind sie überhaupt in der Lage zu verhandeln?"

Frühere Verhandlungsversuche scheiterten regelmäßig auch an absurden Vorbedingungen der FARC. Zwar kündigten sie vergangenen Freitag (11.7.) erneut ihre Bereitschaft zu einer „humanitären Vereinbarung" an. Doch darunter verstand die Guerilla bisher lediglich den Austausch der rund 500 in Haft einsitzenden Guerillakämpfer gegen ihre so genannten politischen Geiseln. Davon gibt es nach der Befreiung Betancourts noch 25. Keine Rede war bisher von den bis zu 700 „wirtschaftlichen" Geiseln, die ausschließlich der Lösegelderpressung dienen.

Schon gar nicht sprachen die FARC bisher von der Niederlegung der Waffen. Doch Kolumbiens Regierung fordert inzwischen mehr: einen Waffenstillstand und die bedingungslose Freilassung sämtlicher Geiseln. Darin sieht sich Kolumbien zunehmend vom Ausland unterstützt. Selbst Lateinamerikas Linksregierungen in Venezuela und Kuba gehen zunehmend auf Distanz zu den FARC.

Verhandlungen in zwei Jahren
„Die Situation ist sehr schwierig, denn die Regierung hat die Mediatoren verbrannt", urteilt Konfliktforscher Valencia. Er erwartet, dass Kolumbien jetzt eine bis zu zweijährige Militäroffensive einleitet. Erst dann werde es Friedensverhandlungen geben. Denn Kolumbiens Wirtschaft stöhnt unter der Last der Militärausgaben und 2010 stehen Präsidentschaftswahlen an. Dann wird Uribe möglicherweise versuchen, ein drittes Mal zu kandidieren.

Möglich ist auch, dass sich die FARC unter dem militärischen Druck in einzelne Banden auflösen, die ohne einheitliches Kommando das Entführungs- und Drogengeschäft weiter betreiben. Dieses Szenario hält Guerilla-Analyst Angel für durchaus möglich. Dann allerdings wird es für Uribes Regierung schwierig, betont Angel: „Mit wem sollte sie dann noch verhandeln?"

Die offiziellen (bürgerlichen) Namen der erwähnten Guerilleros lauten:
Manuel Marulanda: Pedro Antonio Marín
Raúl Reyes: Luis Edgar Devia
Iván Ríos: Manuel de Jesús Muñoz
Karina: Nelly Ávila Moreno