Ist Ingrid Betancourt mit einer List befreit worden? Oder wurde sie freigekauft? In Kolumbien mehren sich die Indizien dafür, dass die Armee die Guerilla-Organisation FARC tatsächlich überlistete. Allerdings kamen Betancourt und 14 weitere Geiseln am vergangenen 2. Juli nicht so frei, wie es die Regierung darstellte. Neue Aussagen der beiden bei der Aktion gefangen genommenen Guerillakämpfer bestätigen in Bogotá kursierende Gerüchte über einen Missbrauch der Symbole des Komitees des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK).
Laut der offiziellen Darstellung der Armee wurden die Bewacher Betancourts mit gefälschten Anweisungen des FARC-Chefs Alfonso Cano hinters Licht geführt. Die Bewacher Antonio Aguilar (Deckname César) und Alexander Fanfan (Deckname Enrique Gafas) übergaben daraufhin die 15 Geiseln an die Armeesoldaten. Diese waren als Vertreter einer nicht näher benannten humanitären Organisation verkleidet und sollten die Geiseln an Cano überstellen. Im Vertrauen darauf legten César und Gafas ihre Waffen ab und stiegen selbst in den Helikopter. Dort wurden sie kurz darauf überwältigt. So weit die offizielle Darstellung.
„Es gibt Sachen, die schwer zu glauben sind", sagt dazu der ehemalige Guerillakämpfer León Valencia. Er war einst Kommandant der Guerillagruppe ELN, schwörte dem bewaffneten Kampf ab, und ist heute gefragter Vermittler in Bogotá, der die FARC gut kennt. Valencia hält die offizielle Version für unplausibel und gibt zu bedenken: „Leute, die sonst so misstrauisch sind, gehen so leicht in die Falle!"
Schon seit Tagen kursieren in Bogotá darum Gerüchte über eine ganz andere Version der Befreiung. Demnach gaben sich die an der Aktion beteiligten Soldaten als Mitarbeiter des IKRK aus. Anlass für diese Spekulationen war ausgerechnet das offizielle Video, das Kolumbiens Militär kurz nach der Befreiung veröffentlichte. Für einen kurzen Augenblick ist in dem Drei-Minuten-Streifen am rechten Bildrand ein Teil des IKRK-Emblems zu sehen. Kolumbiens Präsident Uribe dementierte seither drei Mal öffentlich, das IKRK-Emblem benutzt zu haben.
Doch genau das schildert nun detailliert der in Auslieferungshaft sitzende Betancourt-Bewacher César. Dessen Aussagen gab sein Anwalt Rodolfo Rios gestern (Samstag) der „NZZ am Sonntag" wieder und bestätigte damit einen Bericht der Nachrichtenagentur ips. Vier Mitglieder der Helikopterbesatzung gaben sich laut César als Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) aus, mit entsprechender Kleidung. Dabei waren es in Wirklichkeit Soldaten der kolumbianischen Armee. Hinzu kam, dass der Helikopter, der der Befreiung diente, der zuletzt bei einem Geiselaustausch im Januar eingesetzten IKRK-Maschine täuschend ähnlich sah: weiss mit orangenen Streifen.
„Ich wurde getäuscht", erklärte César laut Rios und führte den Grund an: „Vertrauen gab mir die Tatsache, dass die Embleme des Internationalen Roten Kreuzes auftauchten".
Beim IKRK nimmt man die Angelegenheit ernst. IKRK-Vertreter besuchten am vergangenen Freitag César und Gafas im Gefängnis in Bogotá. Die beiden Guerilleros bestätigten dabei ihre Aussagen, berichtete Anwalt Rios.
Entscheidend für den Erfolg der Befreiungsaktion war allerdings noch ein Umstand. Kolumbiens Armee schaltete sich erfolgreich in die Mobiltelefone der FARC ein. César gibt in seinen Aussagen an, vor dem 2. Juli „eine Flut von SMS-Nachrichten" mit Anweisungen erhalten zu haben. Die Nachrichten kamen scheinbar von FARC-Chef Cano, aber auch von anderen FARC-Kommandanten. Und die Rede war darin von einem Austausch der Gefangenen gegen in Haft einsitzende Guerillakämpfer, nicht aber von einer Verlegung. Das ist insofern wichtig, als nur ein Austausch die Präsenz von IKRK-Mitarbeitern plausibel erscheinen lassen würde.
Auch darin unterscheiden sich Césars Angaben von der Darstellung der kolumbianischen Armee. Sie erwähnt nichts von Telefonen und will César und Gafas mit einem Boten Canos überlistet haben, der lediglich die Verlegung der Geiseln befohlen habe. Dessen Existenz bestreitet César.
Die FARC ist derweil mit einer eigenen Version der Geiselbefreiung an die Öffentlichkeit getreten. Sie spricht in einem Communiqué vom Freitag von „schändlichem Verrat" und behauptet, César und Gafas haben sich kaufen lassen, um eine inszenierte Befreiung mitzuspielen. Doch dazu passt nicht, dass Kolumbien die beiden derzeit an die USA ausliefern will. Die Auslieferung könnten sie nach dem kolumbianischen Recht möglicherweise vermeiden, wenn sie mit den Behörden kooperieren würden.