Aussendepartement nimmt erstmals ausführlich Stellung zur Vermittlerrolle der Schweiz in Kolumbien
Der Schweizer Vermittler habe seine Rolle nicht verraten und mit Kolumbien gebe es keinen Bruch, sagt der stellvertretende Staatssekretär Anton Thalmann.
Autoren: Stefan Bühler, Heidi Gmür, Matthias Knecht
In Kolumbien hält die Kritik an Jean-Pierre Gontard, dem Schweizer Vermittler im Konflikt zwischen der Regierung und den Fuerzas revolucionarios de Colombia (Farc), weiter an. Am Freitag veröffentlichte die regierungsnahe Zeitung «El Tiempo» weitere E-Mails aus dem Computer des früheren Farc-Kommandanten Raúl Reyes, der im März bei einem Militärschlag getötet worden war. In den Mails schreibt Reyes, dass sich Gontard und dessen französischer Vermittler-Kollege, Noël Saez, despektierlich über Uribe geäussert hätten. Sie sähen in Uribe einen «grenzenlos Verzweifelten», der den «Bückling vor den Gringos» mache. «Sie nennen ihn den Verrückten», heisst es in einer der E-Mails des Farc-Kommandanten. Bereits früher veröffentlichte Mails liessen die Interpretation zu, dass Gontard 2001 bei der Befreiung zweier Novartis-Angestellter als Lösegeld-Kurier für die Farc fungiert haben könnte. Beobachter sehen darin mit einen Grund dafür, dass Kolumbien nach der Befreiung Ingrid Betancourts nun auf die Vermittlungstätigkeit der Ländergruppe Schweiz, Spanien und Frankreich verzichtet.
Bisher hat das Aussendepartement (EDA) in Bern zu der diplomatischen Verstimmung nur knapp Stellung genommen. Im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» äussert sich der stellvertretende Staatssekretär, Anton Thalmann, erstmals ausführlich dazu. Er nimmt Gontard in Schutz: «Wir haben gar keine Anhaltspunkte, ihm das Vertrauen zu entziehen.» Es liege «in der Rolle eines Mediators, dass er hin und wieder von der einen oder der andern Seite kritisiert wird, zumal er mit beiden Seiten ein gutes Einvernehmen pflegen muss». Dem EDA lägen «keinerlei Hinweise vor, dass Herr Gontard seine Aufgabe als Mediator verraten hat», sagt Thalmann. Dies habe das EDA auch in seiner Stellungnahme zu den fraglichen Mails von Farc-Führer Reyes festgehalten, welche die kolumbianische Regierung gefordert hatte.
Berichte zu Farc-Treffen
Vorwürfe, wonach Gontard vom EDA zu wenig kontrolliert worden sei, weist Thalmann zurück: Der Vertrag, den das EDA vor über acht Jahren mit dem damaligen Institut für Entwicklungspolitik in Genf abgeschlossen hat, sei klar; so werde darin zum Beispiel jede Entgegennahme von Geld explizit untersagt. Ausserdem habe Gontard für jede seiner Reisen eine «missions-bezogene Instruktion erhalten». Und über jedes einzelne der 22 Treffen des Emissärs mit Führern der Farc liegt in Bern ein Bericht vor.
Der hohe EDA-Diplomat bezweifelt, dass der Abbruch der Mediation direkt mit den Vorwürfen gegen Gontard zu tun hat: Nach der Befreiung von Ingrid Betancourt präsentiere sich die Situation für die Regierung Uribe neu - «da ist es naheliegend, dass sie ihre Taktik ändert», sagt Thalmann. Solche Wechsel der Strategie wie auch «gelegentliche Verstimmungen» habe es schon früher gegeben. Etwa im letzten Jahr, als Uribe vorübergehend vermehrt auf die Vermittlungsdienste des venezolanischen Präsidenten Chávez statt auf die guten Dienste der Europäer setzte. Im vergangenen Januar wandte sich Kolumbien dann neuerlich an die Ländergruppe Schweiz, Spanien und Frankreich, sie möge doch ihre Emissäre, Gontard und Saez erneut entsenden - das war jedoch, bevor Bogotá in den Besitz von Reyes E-Mails gelangte.
In den gegenwärtigen Diskussionen sieht Thalmann «keinen Bruch» in der Beziehung zu Kolumbien, «das bilaterale Verhältnis unserer beiden Staaten wird das unbeschadet überstehen». Die Vorbereitungen für die im August vorgesehene Reise Micheline Calmy-Reys werden jedenfalls fortgesetzt: Die Aussenministerin will in Bogotá das 100-jährige Bestehen eines Freundschaftsvertrags der zwei Länder feiern.
Während in Kolumbien die Vorwürfe gegen Gontard weiter Schlagzeilen machen, sind in den letzten Tagen einzelne Hinweise aufgetaucht, die ihn - zumindest was die Lösegeldzahlung für die Novartis-Leute 2001 betrifft - entlasten könnten. So bekräftigte Novartis am Freitag, Gontard habe «zur Freilassung der Geiseln viel beigetragen» aber «keine Lösegeldzahlungen für Novartis getätigt». Schon am Mittwoch berichteten Zeitungen, Gontard sei nur einmal nach Costa Rica eingereist, wo die Geldübergabe vermutet wird und das Lösegeld gefunden wurde: am 15. Oktober 2000. Im entscheidenden Jahr 2001 habe er Costa Rica nicht besucht. Als Quelle wurde die Einreise-Behörde Costa Ricas genannt.
Kampf um Reputation
Schliesslich sind aus dem Umfeld Gontards Schilderungen zu hören, wie es zu den Mails von Reyes gekommen sein soll, in denen Gontard mit der Geldübergabe in Verbindung gebracht wird. Nachdem die Novartis-Mitarbeiter freigekommen seien, habe sich die Lösegeld-Zahlung verzögert - ob die Umstände kompliziert waren oder Novartis gebremst hat, ist umstritten. Jedenfalls sah sich Gontard genötigt, auf die Zahlung zu drängen, um die Vereinbarung mit den Farc einzuhalten - im Interesse seiner Glaubwürdigkeit.