"Operation Schweinestall" hieß die tollkühne Aktion, die den Freiheitskampf von Nicaraguas Sandinisten schlagartig der Welt bekannt machte. Am 22. August 1978 besetzte ein Guerillakommando das Parlament in der Hauptstadt Managua und nahm über 2000 Parlamentarier, Regierungsangestellte und Besucher als Geiseln.
„Es war der Wendepunkt im Kampf gegen die Diktatur", sagt rückblickend Dora Maria Tellez (52). Sie war vor 30 Jahren als "Kommandant Nr. Zwei" am Überfall auf den Nationalpalast dabei. Die einzige Frau unter den Kämpfern führte damals die Verhandlungen mit dem als unbesiegbar geltenden Somoza. Nach 48 nervenauftreibenden Stunden gab der Diktator nach, entließ Dutzende von politischen Häftlingen und ließ die Sandinisten im Radio zur Revolution aufrufen.
Chefrevolutionär in Nicaragua ist seither Daniel Ortega. Er regierte das Land vom Sieg der Revolution im Jahr 1979 bis 1990. Da wählte ihn das Volk nach einem von den USA aufgezwungenen Bürgerkrieg ab. Doch Ortega spann auch in den folgenden 16 Jahren konservativer Regierungen und liberaler Schockprogramme im Hintergrund die Fäden.
Vergangenes Jahr kehrte der Sandinistenchef an die Macht zurück. Dank einer von ihm zuvor unterstützten Änderung des Wahlgesetzes genügten ihm dazu 38 Prozent der Stimmen.
"Hoch die Armen" verkünden heute Tausende von Regierungsplakaten im ganzen Land, mit einem überdimensionierten Ortega darauf. Doch von seinen revolutionären Versprechungen kommt bei den Armen Nicaraguas wenig an. Ein verbreitetes Bonmot lautet derzeit „Hoch die Bohnen", Laut jüngsten Umfragen heißen derzeit nur noch 20 Prozent der Nicaraguaner Ortegas Regierungsführung gut.
Statt sich um die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu kümmern, investiert Ortega viel Energie in den eigenen Machterhalt. Im vergangenen Juni erklärte die Wahlbehörde des Landes die oppositionelle reformsandinistische Partei MRS für aufgelöst und verbot ihr damit faktisch die Teilnahme an allen zukünftigen Wahlen.
Der MRS gehören neben Tellez zahlreiche frühere Kampfgefährten Ortegas an. Sie kritisieren den Präsidenten für seinen sogenannten „Pakt" mit dem konservativen Ex-Präsidenten Arnoldo Alemán (1996-2002). Beide zusammen kontrollieren Wahlbehörde und Justiz des Landes. Das erlaubt Ortega, unliebsame Widersacher auf dem Justizweg auszuschalten. Alemán wiederum kann dank der willfährigen Richter den Antritt einer 20-jährigen Haftstrafe wegen Korruption vermeiden.
Tellez, die in den 80er Jahren noch Ortegas Gesundheitsministerin war, gehört heute zu seinen prominentesten Kritikern. Sie sagt: „Vor 30 Jahren war Ortega ein Revolutionär. Heute ist er ein gewöhnlicher Caudillo. Er ist eine von der persönlichen Macht besessene Person."
Laut Tellez errichtet Ortega eine institutionelle Diktatur, ähnlich dem System das bereits während der Diktatur der Familie Somoza geherrscht habe. „Das politische Modell Ortegas ist demjenigen der Diktatur Somozas sehr ähnlich", kritisiert Tellez. So wie der einstige Diktator strebe Ortega heute die „totale Kontrolle der Institutionen und der Gesellschaft" an. Zugleich zeige er „sehr wenig Respekt vor den Gesetzen und sehr wenig Sorge um die Probleme des Landes."
Unmut erregt das Gebaren des Altrevolutionärs Ortega auch zunehmend unter den vornehmlich europäischen Geberländern Nicaraguas, zu denen auch Deutschland gehört. Seit Nicaraguas junge Revolutionäre vor 30 Jahren die internationale Sympathie gewannen, baute die internationale Gemeinschaft die Entwicklungshilfe auf durchschnittlich 500 Millionen
Dollar jährlich aus. Doch heute stellen immer mehr Länder ihr Engagement in Frage, ist von Diplomaten in Managua zu hören. Sie warten die kommenden Gemeindewahlen in November ab. Sollte Ortega nicht demokratische Mindeststandards garantieren, werden wohl einige
Geber abspringen.