„Yo soy Bürger de Wädenswil", eröffnet Eduardo Suger das Gespräch in Guatemala Stadt, und fällt dann ganz vom Zürichdeutschen ins Spanische. "Ich will aus Guatemala eine föderale Republik machen, wie in der Schweiz", erläutert der 69-jährige Präsidentschaftskandidat. „Nur so kommen wir aus der Armut heraus. Jede Gemeinde muss ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, mit einer eigenen Regierung, einem eigenen Schulsystem, mit eigenen Steuern."
Ein verrückteres Wahlprogramm als das des Doppelbürgers Suger kann es im autoritätsgläubigen Lateinamerika kaum geben. Und doch hat der Professor für Mathematik und Physik Chancen auf einen Überraschungserfolg, wenn Guatemala nächsten Sonntag einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament wählen. Bei den Jungen und bei den Akademikern ist der Guatemalteke mit Schweizer Vorfahren laut Umfragen Topfavorit. Denn er hat etwas zu bieten, was unter lateinamerikanischen Politikern selten ist: Er ist sauber. Bei Suger gibt es keine ungeklärten Korruptionsfälle, wie bei dem von den Mitte-Links-Parteien gepuschten Kandidaten Álvaro Colom. Und Suger hat keine dubiosen Kontakte zu den Auftragskillern des Geheimdienstes, wie der von rechts geförderte Spitzenkandidat Otto Peréz Molina.
Das Phänomen Suger ist neu in Lateinamerikas jungen Demokratien. Trockene Wissenschaftler erobern plötzlich mehr Sympathien als die alten Caudillos. Saubere Außenseiter gewinnen aus dem Stegreif mehr Vertrauen als die Vertreter der alten Oligarchien. So geschehen vergangenes Jahr im gewaltgeplagten Haiti, wo der Agraringenieur René Préval auf Anhieb die Präsidentschaft gewann. Oder fast geschehen im von Korruptionsskandalen erschütterten Costa Rica, wo dem Ökonomen Ottón Solís nur wenige Tausend Stimmen gegen den scheinbar unschlagbaren Oscar Arias fehlten.
Doch in den meisten Staaten Lateinamerikas herrscht die Oligarchie, so auch in Guatemala. „Die Politik dient einer Gruppe von Personen für ihre Partikularinteressen", resümiert Suger. Derweil versinkt das mittelamerikanische Land in Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Sechzehn Morde werden im Durchschnitt täglich verübt, dazu unzählige Entführungen und Überfälle. Niemand weiß, wer die Täter sind. Die Justiz ist überfordert oder unwillig. Politik, Polizei und Armee sind selbst in das Geschäft mit Erpressungen und Drogenhandel verstrickt. Dazu breiten sich gnadenlose Jugendgangs aus, die Maras.
Die Mehrheit der insgesamt 14 Präsidentschaftskandidaten Guatemalas setzt darum auf Populismus. „Endlich eine harte Hand" und ähnliche Sprüche dominieren die Wahlkampfwerbung. 20 Millionen US-Dollar haben alleine die drei größten Parteien dafür ausgegeben. Woher das Geld in dem drittärmsten Land Lateinamerikas kommt, weiß niemand genau.
Sugers Werbebudget hingegen ist null. Aus eigener Tasche zahlt er das Benzin für die Wahlkampfauftritte. Dort zeigt er den zuversichtlichen Charme, den nur Wissenschaftler aufbringen: „Wir müssen die Probleme auseinanderdividieren und vereinfachen."
Suger glaubt an „die reale Chance, in die Stichwahl zu kommen." Und wenn nicht? „Dann mache ich das, was ich mein Leben lang glücklich gemacht hat: unterrichten und Professor sein."