Nicaragua: Hilferuf der Herrnhuter Brüdergemeinde

Hurrikan Felix trifft die Ärmsten der Ärmsten - Hilferuf der Herrnhuter Brüdergemeinde in Nicaragua – Opferzahlen steigen – viele Orte ohne Kontakt und ohne Hilfe

San José / Bluefields. Zehntausende Menschen haben all ihr Hab und Gut verloren, Hunderte werden vermisst, Dutzende sind umgekommen. Noch weiß niemand genau, wie große Schäden der Hurrikan Felix in Nicaragua angerichtet hat. Klar ist aber: Felix hat auf seinem Zerstörungszug am Dienstag die Ärmsten eines verarmten Landes schwer getroffen, nämlich die indigenen Ureinwohner an der Atlantikküste. Getroffen ist damit auch eine Glaubensgemeinschaft, die ihre Wurzeln in Deutschland hat: die Herrnhuter Brüdergemeinde Nicaraguas.

Bischof Oliver Hodgson von der Brüdergemeinde sprach am Mittwoch (Ortszeit) gegenüber dem epd von einer "apokalyptischen Erfahrung". Der Bischof bat die internationale Gemeinschaft dringend um Spenden. "Es gibt kein Trinkwasser, keine Lebensmittel, keine Medikamente, keine Zinkdächer". Gemäß Hodgsons vorläufiger Schadensbilanz starben 15 Menschen in der Region um Puerto Cabezas. 74 000 Menschen haben ihr Haus oder ihre Ernte verloren. Viele Dörfer, Kliniken, Radiostationen und Kirchen sind zerstört. Schwer wiegt auch, dass viele Schulen abgedeckt sind. Denn sie dienten den mehr als 13 000 Evakuierten als Notunterkunft.

Unterdessen bleibt die Region nördlich von Puerto Cabezas, an der Grenze zu Honduras, ohne Kontakt und ohne Hilfe. "Wir haben immer noch keine Nachrichten aus den Orten, wo der Hurrikan wirklich mit voller Wucht traf", berichtete Hodgson über die Rettungsarbeiten in den schwer zugänglichen Gemeinden. Dort versuchen die Helfer der Brüdergemeinde, mit Booten in die Orte Cabo Gracias a Dios und Rio Coco vorzudringen. Der Bischof befürchtet, dass dann die definitive Opferbilanz "viel höher" ausfallen wird.

Abweichende, aber ähnliche Opferzahlen wie die Kirche nannte am Mittwochabend die Regierung in Managua. Sie sprach von 38 Todesopfern, 200 Vermissten und 50 000 Geschädigten. „Sehr wahrscheinlich gibt es weitere Todesopfer", warnte Präsident Daniel Ortega anlässlich eines Besuches in Puerto Cabezas.

Schwierig gestaltet sich indessen die Verteilung der Hilfsgüter, die seit Dienstag in Managua eintreffen. Der Transport von der Hauptstadt an die rund 500 km entfernte Küste benötigt rund eine Woche, denn er erfolgt zum Teil über unbefestigte Straßen, zum Teil per Boot. Damit besteht die Gefahr, dass für viele die Hilfe zu spät kommt.

Getroffen ist damit eine in Lateinamerika einzigartige Religionsgemeinschaft, nämlich die aus dem Reformator Jan Hus hervorgegangene Herrnhuter Brüdergemeinde. 1849 haben Deutsche die ersten Missionsstationen an Nicaraguas unzugänglicher Atlantikküste gegründet. Heute ist die inzwischen eigenständige Brüdergemeinde Nicaraguas mit 95 000 Mitgliedern und Kirchen in fast jedem Dorf die dominierende Glaubensgemeinschaft im Osten des Landes. Sie nennt sich dort moravische Kirche und verfügt über drei Universitäten, mehrere Radiostationen, zahlreiche Schulen und Kliniken. Anthropologen führen den Erhalt der indigenen Kultur in Nicaragua auf die Herrnhuter zurück. Denn diese feiern die Gottesdienste in den indigenen Sprachen, mit eigenen Bibeln und eigenen Gesangsbüchern.

Die von 120 000 Miskito-Indios und weiteren der Mayangna, der Sumu und der Rama besiedelte Atlantikküste ist gemäß Hodgson "die ärmste Region Nicaraguas." Arbeitslosigkeit, Kindersterblichkeit und Unterernährung sind dort überdurchschnittlich hoch. Es ist das zweite Mal innerhalb von 20 Jahren, dass die Region von einem Hurrikan der stärksten Stufe heimgesucht wird. Im Jahre 1988 hatte "Joanne" den Ort Bluefields (San Juan del Norte) im Südosten des Landes nahezu vollständig zerstört.

Die Aussicht auf Hilfe von der Regierung ist für die Indios ist heute allerdings wesentlich besser als noch in den 80er Jahren. Damals hatte Ortega, Führer der sandinistischen Revolution, die indigenen Gemeinden an der Atlantikküste militärisch bekämpft. Denn sie hatten die von den USA finanzierte Konterrevolution gegen die Sandinisten unterstützt. Die damaligen Feindschaften scheinen überwunden zu sein. Die Regierung unter dem vor knapp einem Jahr erneut gewählten Ortega sei „viel präsenter" und leiste gute Arbeit in der Katastrophenbewältigung, bestätigt Hodgson.