Colom – ein moderater Linker will Guatemala aus der Misere führen

San José / Guatemala-Stadt. Álvaro Colom ist der erste linksgerichtete Präsident Guatemalas seit über 50 Jahren. In einer knappen Stichwahl setzte sich der 56-jährige
Ingenieur am Sonntag gegen seinen rechtsgerichteten Rivalen, den
General a.D. Otto Pérez Molina durch.

Kaum war das vorläufige Ergebnis bekannt, versprach Colom einen
historischen Wandel für Guatemala: „Jetzt beginnt ein Prozess des
Wandels und der Transformation, den es in 50 Jahren nicht gegeben
hat." Beendet sei hingegen die „tragische Geschichte" des Militarismus
in dem mittelamerikanischen Land.

Schon auf den ersten Blick entspricht Colom nicht den typischen
starken Männern, die Guatemala bisher regiert haben. Der große,
schlaksige Unternehmer und Politfunktionär wirkt immer etwas
unbeholfen und hat Mühe beim Sprechen, die Folge einer Verletzung in
der Kindheit. Mühelos herunterbeten kann Colom jedoch die
erschreckenden Sozialindikatoren des Landes: Mehr als die Hälfte der
13 Millionen Bürger leben in Armut. Bis zu 80 Prozent der Kinder in
den ländlichen Regionen sind unterernährt. Und mit einer lächerlich
tiefen Steuerquote von rund 11 Prozent der Wirtschaftsleistung hat der
Staat kein Geld für Schulen, Krankenhäuser und Infrastruktur.

Der Sozialdemokrat Colom ist angetreten, die extremen Gegensätze in
Guatemala zu beheben. Denn während vor allem die indigene Bevölkerung,
die Nachfahren der Maya, in extremer Armut leben, leistet sich eine
schmale, hellhäutige Oberschicht ein luxuriöses Leben. Der letzte
Präsident, der das ändern wollte, war der Sozialist Jacobo Arbenz.
1954 zwang ihn ein von den USA finanzierter Militärputsch zum
Rücktritt. Es folgten Militärregierungen und später ein 36-jähriger
Bürgerkrieg, der erst 1996 beendet wurde, und von dem sich das Land
bis heute nicht erholt hat.

Folge von Bürgerkrieg und Ungleichheit ist eine ausufernde
Alltagsgewalt. 6000 Morde jährlich werden in Guatemala verübt.
Dahinter stecken der zunehmende Drogenhandel, außer Kontrolle geratene
Polizeikräfte sowie im ganzen Land verbreitete gewalttätige
Jugendbanden.

Colom hat angekündigt, die „Ursachen der Gewalt" zu beheben. Ganz oben
auf seiner Agenda von Colom steht ein „sozialer Pakt". Damit will er
die reichen Unternehmer des Landes verpflichten, einen Beitrag für die
wichtigsten Aufgaben zu leisten. Coloms Plan für die ersten hundert
Regierungstage umfasst vor allem die Reform der korrupten
Sicherheitskräfte und der Justiz, Sofortprogramme gegen die
Unterernährung, sowie Investitionen in Schulen und Krankenhäuser.

Mit seiner Forderung nach einem sozialen Pakt signalisiert Colom auch,
dass er – im Gegensatz zu anderen linken Präsidenten Lateinamerikas –
unnötige Konfrontationen und Provokationen vermeiden will. Doch genau
das werfen ihm seine rechten Gegner vor, aber auch frühere, linke
Parteifreunde. Sie sagen, Colom fehle es an Entschlossenheit, um die
gewaltigen Probleme des Landes anzugehen.