San José. Im mexikanischen Bundesstaat Tabasco sind die Häuser von einer Million
Menschen überflutet. Und im Nachbarstaat Chiapas hat ein Mini-Tsunami
ein ganzes Dorf ausgelöscht. Schuld an den ungewöhnlichen Wassermassen
ist möglicherweise der Klimawandel. Doch das Wasser zur Katastrophe
gemacht haben mangelnde Vorsorge und Korruption.
Am Amtssitz von Andrés Granier, Gouverneur des mexikanischen
Bundesstaates Tabasco, herrscht Zeltlageratmosphäre. 80 000 Menschen
halten sich nach Fernsehberichten derzeit dort auf, auf der Suche nach
Essen, nach Verwandten, oder weil sie einfach keine andere Bleibe mehr
haben. Dabei ist Garniers Amtssitz nur eine von vielen improvisierten
Notunterkünften in Tabasco. Nach einer Woche Dauerregen ist der
Bundesstaat im Südosten Mexikos zu 70 Prozent unter Wasser. Eine
Million Menschen sind betroffen. Viele von ihnen haben kein Haus mehr
und alles verloren.
„Wir kämpfen gegen ein Monster", fasste Granier die verzweifelte Lage
zusammen. Auch wenn die Niederschläge inzwischen nachgelassen haben,
wird es noch fünf Monate dauern, bis die Wassermassen wieder
abgeflossen sind. In einigen Dörfern harren immer noch Menschen auf
den Dächern ihrer Häuser aus und warten hungernd auf
Versorgungshubschrauber. In ganz Tabasco sind Lebensmittel und
Trinkwasser knapp geworden. Zudem drohen Seuchen. Am Mittwoch haben
die Behörden begonnen, großflächig gegen Denguemoskitos zu spritzen,
die sich in den riesigen Wasserflächen rasend schnell ausbreiten.
In ganz Mexiko spenden derzeit Bürger für Tabasco. Bundespräsident
Felipe Calderón kündigte einen Aufbaufonds über 7 Milliarden Peso (370
Millionen Euro) an und appellierte an die weitere Solidarität der
Mexikaner. Zudem sind aus dem Ausland laut dem Außenministerium bisher
über eine Million US-Dollar (650 000 Euro) Hilfsgelder eingetroffen,
davon allein 250 000 $ (161 000 Euro) aus Deutschland.
Nicht das Klima, die Korruption ist wohl schuld
Derweil ist in Mexiko die Diskussion über die Ursache der Katastrophe
entbrannt. Calderón gab dem globalen Klimawandel die Schuld an den
Überschwemmungen. Er sagte: „Der Ursprung und der Grund dieser
Katastrophe ist die enorme Veränderung des Klimas." So wurde der
Südosten Mexiko dieses Jahr von ungewöhnlich starken Regenfällen
heimgesucht, wie bereits in den Wochen zuvor auch die
mittelamerikanischen Nachbarstaaten.
Doch es mehren sich die Hinweise, dass die Tragödie von Tabasco
hausgemacht ist. Sie hätte sich mit „einfachen und kostengünstigen
Mitteln" vermeiden lassen, schreiben die Vereinten Nationen in einer
Pressemitteilung. Denn Tabasco ist seit jeher von Überschwemmungen
bedroht. Und die tropischen Störungen, die in der vergangenen Woche
gleich sechs Mal hintereinander über den Südosten Mexikos gezogen
sind, lassen sich rechtzeitig erkennen. Doch „werden nicht die
notwendigen Massnahmen ergriffen, um die ärmste Bevölkerung
vorzubereiten und zu schützen".
Andrés Manuel López Obrador, linker Gegenspieler Calderóns, nennt denn
auch Profitdenken und Korruption als eigentliche Ursache der
Überschwemmungen. Denn verschärft wurden die Fluten in Tabasco durch
die in den letzten Jahren privatisierten Elektrizitätswerke. Sie
hatten keine Sicherheitsreserve mehr in ihren Stauseen und mussten
schlagartig die Schleusen öffnen, um keinen Dammbruch zu provozieren.
Eine dieser Schleusenöffnungen provozierte dafür vergangene Woche den
Bruch der Schutzdämme in Villahermosa. Einige Stadtviertel waren
daraufhin bis zu sechs Meter hoch überschwemmt.
Kam hinzu, dass Tabasco nicht die Lehren aus der letzten großen
Überschwemmung im Jahr 1999 zog. Zwar stellten der Staat und dessen
Ölgesellschaft Pemex danach insgesamt 6,32 Milliarden Peso (337
Millionen Euro) für Deiche, gefährdete Häuser und andere Investitionen
in die Katastrophenvorbeugung zur Verfügung. Ein großer Teil der
Mittel ist jedoch laut Recherchen der Tageszeitungen „El Universal"
und „La Jornada" zweckentfremdet eingesetzt oder schlicht
unterschlagen worden.
„In Mexiko ereignen sich die Unglücke, weil keine Vorsorge getroffen
wird", sagte der Politanalyst Victor Sánchez im Sender „Radio
Formula". Schuld daran seien machthungrige Politiker. „Sie ziehen es
vor, Haushaltsmittel für sichtbare politische Aktionen zu verwenden,
statt für die Vorbeugung von Unglücken."