Partizipative Bildung hilft armen Menschen in El Salvador erfolgreich,
sich gegen die häufigen Naturdesaster zu schützen. Für eine umfassende
Katastrophenvorsorge aber müsste (muss) Terre des Hommes
Partnerschaften mit Nothilfe-Organisationen eingehen, sagt die dortige
Länderverantwortliche Dorothee Mölders
San Salvador. "In unserem Dorf in Santo Tomas gibt es einen Hügel, der
war einmal bewaldet. Da kam ein reicher Mann, hat alles abgeholzt und
den Hang terrassiert. Hundert Lastcontainer hat er dort abgestellt. Am
Fuß des Hanges stand das Haus meines Onkels. Da kam eines Nachts ein
Unwetter. Nach einer Stunde Regen rutschten Hang und Container nach
unten und begruben das Haus unter sich. Fünf Personen schliefen dort.
Eine davon ist umgekommen. Es war meine Kusine. Das Bett des Kindes
stand an der Wand, die vom Schlamm eingedrückt wurde."
Es ist wieder einmal Workshop im Kloster Maria Eugenia, einer
idyllischen Oase hoch über dem lärmigen San Salvador. Einer der rund
50 Teilnehmer ist Jorge Ramos (22). Was er aus einem der Vororte der
Hauptstadt berichtet, ist in El Salvador kein Einzelfall. Denn wie
kaum ein anderes Land leidet der mittelamerikanische Kleinstaat unter
Naturkatastrophen und Unwettern, unter Überschwemmungen und Erdbeben
(siehe Kasten).
So kann jeder in der Gruppe von ähnlichen Unglücken wie dem von Jorges
Familie berichten. Da ist zum Beispiel Transito Lopez (50). Unter
Tränen berichtet die Hausfrau, wie sie ihr Haus und all ihr Hab und
Gut in einem Erdrutsch verlor. Mit dabei ist auch Oscar Ramos (26).
Der Automechaniker engagiert sich in der Gemeindepolitik und möchte
lernen, was er beim nächsten Naturdesaster tun kann.
Veranstalter des Workshops ist das "Equipo Maíz" (Team Mais). Die
salvadorenische Organisation betreibt seit 25 Jahren Bildungsarbeit
mit armen Menschen. „Katastrophen sind nicht naturgegeben. Sie sind
von Menschen gemacht", erklärt Denyse Brunet, Direktorin und
Mitbegründerin des Equipo Maíz. Verantwortlich für viele Unglücksfälle
seien Abholzung, die Vergiftung von Boden und Wasser, das Bauen an
exponierten Lagen oder die oftmals fehlende Katastrophenvorsorge.
Mit Aufklärung will das Equipo Maíz die Menschen in die Lage
versetzen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist nicht
einfach in einem Land, wo jeder Sechste Analphabet ist, und wo die
Mehrheit nur wenige Jahre Grundschule absolviert hat. Mit Vorträgen
und Erklärungen kommt man da nicht weit. Die Kursleiterin arbeitet
darum spielerisch. Gruppenspiele, Pantomimen und improvisierte
Theaterszenen aus dem Alltag holen die schulunerfahrenen
TeilnehmerInnen aus der Reserve. Bald schon diskutieren sie lebhaft
über Umweltschutz und Gleichberechtigung, Gemeindepolitik und den
fehlenden Zivilschutz. „Die Menschen lernen schneller, wenn man alle
Sinne anspricht", erläutert Brunet das pädagogische Konzept.
Finanziell unterstützt wird die Bildungsarbeit des Equipo Maíz
neuerdings von Terre des Hommes (tdh). 800 Menschen können dadurch
jährlich in Themen wie zum Beispiel Risikovorsorge geschult werden.
Davon profitieren Menschen wie Jorge, wie Transito oder wie Oscar.
Gemeinsam ist ihnen eines: Sie wollen die regelmäßigen Katastrophen
nicht mehr einfach hinnehmen, sondern an ihren Wohnorten etwas dagegen
unternehmen. Begeistert sagt Jorge: „Das Equipo Maíz gibt mir die
Werkzeuge, damit ich in den Dörfern mit den Menschen arbeiten kann."
Die Workshops des Equipo Maíz dienen der "Stärkung lokaler
Kapazitäten", erklärt Dorothee Mölders, tdh-Verantwortliche für El
Salvador. „Wichtig ist die Selbstorganisation auf lokaler Ebene. Denn
vom Staat kommt die Hilfe gar nicht oder viel zu spät. Darum müssen
die Menschen lernen, ihre Bedrohungslage selbst einzuschätzen."
Die Arbeit von tdh hat allerdings ihre Grenzen, wie Mölders einräumt.
Um in der Katastrophenvorsorge glaubwürdig auftreten zu können, müsse
man auch in der Lage sein, etwa Schutzbauten oder Frühwarnsysteme zu
realisieren sowie im Ernstfall schnell Nothilfe leisten zu können. Mit
derzeit knapp 300 000 Euro Jahresbudget pro Land (einschließlich
Kofinanzierungen) und sechs festen Mitarbeitern in ganz Mittelamerika
würde tdh aber schnell an seine Grenzen stoßen. Mölders wirbt deswegen
dafür, die Katastrophenvorsorge zusammen mit „starken Partnern" in der
Nothilfe anzugehen. Der Beitrag von tdh zur Katastrophenvorsorge sei
somit die „Aufklärungs- und Erziehungsarbeit".
Fließend ist dabei die Grenze zwischen Aufklärung und politischer
Lobbyarbeit. Denn El Salvadors Demokratie ist jung und die Folgen des
vor 16 Jahren beendeten Bürgerkrieges sind allgegenwärtig. Immer noch
dominieren wenige Unternehmerfamilien und das Militär die Politik. Die
Interessen der Armen und der Minderheiten finden da kein Gehör.
Wie wenig Rechte einfache Bürger haben, musste auch Jorge Ramos in
Santo Tomas erfahren. Nachdem der Erdrutsch das Haus seines Onkels
begraben hatte, konnte er zwar die Gemeinde dazu bewegen, ein
Zivilschutzkomittee ins Leben zu rufen. Doch den Verantwortlichen des
Unglücks konnte Jorge bis heute nicht zu Rechenschaft ziehen. „Er hat
Beziehungen nach ganz oben", erklärt Jorge achselzuckend.
Der Hangrutsch in Santo Tomas bleibt damit strafrechtlich folgenlos,
die Familie erhält keinerlei Entschädigung. Und keine Behörde wird
verhindern, dass wieder einmal ein „reicher Mann" den Hang über dem
Haus eines armen Onkels abholzt – es sei denn, die Menschen wissen
sich zu wehren.