Aids in Costa Rica: „Angst vor der Öffentlichkeit"

José Hernández (40) ist einer der Pioniere im politischen Kampf für die Rechte HIV-Positiver in Costa Rica. Wie alle anderen HIV-Aktivisten arbeitet er ohne jegliche finanzielle Unterstützung. Noch schwerer als fehlendes Geld wiegt laut Hernández die Stigmatisierung, die er sogar bei den internationalen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit beobachtet. Der lutherischen Kirche als Vorreiter für einen tabufreien Umgang mit dem Thema HIV komme damit große Bedeutung zu.

Schon vom ersten Moment an ist klar, dass man es mit einem für Lateinamerika ungewöhnlichen Mann zu tun hat. José Hernández erscheint eine halbe Stunde früher als verabredet zum Gespräch. Und er bekennt sich ohne Umschweife dazu, homosexuell und HIV-positiv zu sein. Auf das Kompliment für sein jugendliches Aussehen erwidert der 40-Jährige bestimmt: „Das ist genetisches Erbe und eine positive Geisteshaltung".

1995 erhielt Hernández die Diagnose HIV-positiv. Da war er mitten in den Zwischenprüfungen zum Krankenpfleger. „Ich war absolut auf mich allein gestellt", erinnert er sich. Nicht einmal an seine Familie konnte er sich wenden. „Schwul zu sein ist für viele Leute in unserem Land gleichbedeutend damit, Aids zu haben, und umgekehrt. Ich bin schwul, also bekomme ich nicht viel Unterstützung in einer Gesellschaft wie der unsrigen."

Juristischer Kampf um kostenlose Medikamente

Doch Hernández ließ sich nicht unterkriegen. 1997 gab er den Anstoß für die Gründung der ASOVIHSIDA, der mittlerweile größten Selbsthilfe-Organisation HIV-Positiver in Costa Rica. Sie erkämpfte vor Gericht die kostenlose Abgabe von generischen retroviralen Medikamenten.

Trotz der seither hohen Kosten für die staatliche Sozialversicherung geht die Regierung die Aidsprävention nur zögernd an, urteilt Hernández. „Es geht sehr langsam voran, sehr langsam." Erst im vergangenen Dezember verabschiedete sie einen nationalen Plan, nach jahrelangem Ringen. Er sieht eine integrale Betreuung von HIV-Patienten vor und eine Sensibilisierung aller Regierungsministerien. Aber das ist bisher nur Papier.

Heute arbeitet Hernández in der Betreuung von HIV-infizierten Gefängnisinsassen. Und er engagiert sich in nationalen und internationalen Netzwerken zum Thema HIV. Seine politische Arbeit finanziert er aus eigenen Mitteln, „immer zwischen Tür und Angel", und sieht sich immer noch oft auf sich allein gestellt.

Arbeiten um zu essen - oder hungern, um Politik zu machen

Hernández beobachtet die paradoxe Situation, dass in nationalen und internationalen Treffen zu Aids / HIV zwar jede Menge besoldete Staatsbeamte und bezahlte Entwicklungsexperten zu finden sind, aber kein einziger HIV-Infizierter. „Ich stelle meine Leute zur Rede. Ich erkläre ihnen, dass sie an den Treffen teilnehmen müssen", sagt Hernández und lässt damit durchblicken, dass er es ist, der die Fäden zieht. Doch der wirtschaftliche Überlebenskampf mache die politische Beteiligung Betroffener schwierig. „Kürzlich sagte mir einer: ‚Entweder arbeite ich, um zu essen, oder ich esse nicht, um am Treffen teilzunehmen.' Das sind Argumente, die sich nicht weiter diskutieren lassen."

Schwerer als der Kampf um die nackte Existenz wiegt laut Hernández die Stigmatisierung. „Unter den vielleicht 12 000 HIV-Infizierten in unserem Land gibt es mindestens 100 Personen, die die nötige Ausbildung mitbringen, um politisch zu arbeiten. Doch wo sind sie? Sie wollen nicht öffentlich in Erscheinung treten, aus Angst. Es ist die Angst vor dem sozialen Tod, vor der Zurückweisung durch den Nächsten. Denn HIV ist immer noch stigmatisiert. Es sind die Vorurteile einer sehr konservativen Gesellschaft. Darum lassen sich diejenigen, die sich wirklich engagieren, an einer Hand abzählen."

Evangelische Kirche baut Vorurteile um Sexualität und Aids ab

Der Arbeit der lutherischen Kirche Costa Ricas (ILCO) kommt laut Hernández damit große Bedeutung zu, trägt sie doch dazu bei, Vorurteile um Sexualität, HIV und Aids abzubauen. „Die ILCO hat sich auf die Fahne geschrieben, Menschen mit HIV einzubeziehen. Außer der ILCO sehe ich keine andere Kirche, die sich mit dem Thema auseinandersetzt." Bei allem Lob für die Lutheraner äußert der HIV-Aktivist auch Kritik: „Die ILCO müsste mehr an die Öffentlichkeit gehen, mehr mit den Medien arbeiten."

Auf der Suche nach Finanzmitteln

Hernández sucht derweil mehr Finanzmittel für seine politische Arbeit. „Wenn die ILCO oder irgendeine andere Organisation einer Person mit HIV einen politischen Posten finanzieren könnte, das wäre ideal. Damit diese Person die Arbeit der ganzen Selbsthilfegruppen und Netze koordiniert. Damit sie an Treffen mit Politikern gehen kann. Aber selbst bei den Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit ist es schwierig, Mittel zu bekommen. Denn sie trauen HIV-Positiven nichts zu."

Damit verabschiedet sich Hernández, überreicht noch eine ausführliche Dokumentation zum Thema, und eilt zum nächsten Termin. Keine Frage: Dem jugendlich wirkenden Krankenpfleger ist sehr viel zuzutrauen.