Aids in Lateinamerika: „Man kann nicht offen mit den Männern reden"

Vor acht Jahren erfuhr die Buchhalterin Rosibel Zuniga (34), Mutter von drei Kindern, dass sie HIV-positiv ist. Ihr Fall ist in vielem typisch für Lateinamerika: Angesteckt wurde sie von ihrem untreuen Ehemann, der auch nach seiner Erkrankung sein riskantes Sexualverhalten nicht änderte. Sie hielt ihm dennoch die Treue und brach erst, als er sich erneut schwer an der Familie verging. Untypisch an Rosibel Zuniga ist dabei eines: Sie brachte den Mut auf, an die Öffentlichkeit zu gehen und eine Selbsthilfegruppe für HIV-positive Frauen zu gründen. Unterstützt wird sie dabei von der lutherischen Kirche Costa Ricas (ILCO).

„Ich bin ja nicht nur eine HIV-positive Frau. Ich habe auch einen HIV-positiven Sohn. Und ich bin auch Ehefrau eines HIV-positiven Mannes, derjenige, der mich angesteckt hat."

„Mein Mann hatte die Arbeit verloren, weil er so oft fehlte. Und ich kündigte meine Stelle, um ihn zu pflegen. Es gab Zeiten, da litten wir Hunger. Ich hatte nicht einmal das Geld, um mit dem Bus ins Krankenhaus zur Kontrolle zu fahren. Das passiert der Mehrheit von uns (HIV-Positiven). Wir fallen in Armut."

„HIV-Positive benötigen eine gute Ernährung. Aber wenn ich nur noch ein Stück Brot habe, wem gebe ich es? Gebe ich es meinem Mann oder den Kindern? In solchen Momenten dachte ich nicht einmal an mich. Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, dass auch ich das Virus trage und an meine Ernährung denken muss."

„Gleich nach der Diagnose habe ich die Frauenvereinigung ‚Lebendige Hoffnung' gegründet. Denn bei den Kontrollen fiel mir auf, dass viele andere Frauen kamen. Anfangs sprachen sie voller Angst über HIV. Schon bald trafen wir uns jede Woche mittwochs. Es kamen immer mehr Frauen. So erkannten wir, dass wir nicht die Einzigen in dieser Situation sind."

„Viele Frauen stecken sich an, weil sie nicht daran denken wollen, dass ihre Partner untreu sein könnten. Die Beziehungen basieren auf Vertrauen und das ist auch heute noch das Problem. Dabei kann man nicht offen mit den Männern reden. Das hat mit der Erziehung zu tun. Unsere Sexualerziehung in Costa Rica ist nicht so offen."

„Vor einem Jahr habe ich mich von meinem Mann getrennt. Er hatte sich an unserer ältesten Tochter vergangen. Zum Glück wurde sie nicht infiziert. Ich habe ihn angezeigt. Da ist das Ego der Mutter über das der Ehefrau gegangen. Gott allein weiß, was mich noch alles erwartet. Aber ich kann nicht mehr ertragen."

„Die lutherische Kirche (ILCO) habe ich vor zwei, drei Jahren kennengelernt, bei einem Treffen HIV-positiver Menschen, zu dem sie eingeladen hatte. Sie haben die Lektüre (der Bibel) der Realität mit dem HIV-Virus gegenübergestellt. Das erschien uns sehr interessant. Ich hatte die Bibel noch nie in dieser Form gelesen."

„Wir HIV-Positive haben den Zugang zu Medikamenten erkämpft. Nur dass sie verfügbar sind, hat unsere Lebensqualität massiv erhöht. Es gibt aber auch den spirituellen Aspekt, und das ist das, was uns länger leben lässt. Es ist wichtig, dass wir eine Person in der Nähe haben, die uns wahrhaftig zuhört, die uns mit dem Herzen zuhört. Die uns ein Wort sagen kann, das uns mehr gibt, als es nur Geld tun würde."

„Ich habe den Eindruck, dass die ILCO wirklich daran interessiert ist, die Sichtweise von uns Frauen kennenzulernen. Sie kamen mehrmals zu den Treffen unserer Gruppe, um uns spirituelle Begleitung zu geben. Und sie finanzierten das Logo unserer Gruppe. Schauen Sie hier, eine Frau in Bewegung. Mit dem Zustupf der ILCO haben wir auch ein Boletin gedruckt. Jetzt haben wir wenigstens etwas, dass wir den Leuten geben können. So erfahren die Leute, dass es HIV-positive Frauen gibt, dass sie organisiert sind und all das."

„Ich habe mich nie beklagt. Wenn ich nicht diese besondere Gesundheitssituation hätte, würde ich weniger intensiv leben. An dem Tag, an dem ich mit Gott sein werde, möchte ich Frieden haben und sagen können: Mindestens habe ich etwas getan, von dem andere Menschen etwas gehabt haben. Dass wenigstens andere nicht diesen Ungerechtigkeiten ausgesetzt sind, nicht diese Diskriminierung erleiden müssen."