veröffentlicht: Brot für die Welt, 10.3.09, pdf
veröffentlicht: Brot für die Welt, Mai 08, pdf
Es ist Morgenandacht am Sitz der lutherischen Kirche Costa Ricas (ILCO), zum Thema Aids. Rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ILCO sind anwesend. Nach und nach treffen auch Besucher ein, darunter Rosibel Zuniga. "Danke, dass die lutherische Kirche uns die Türen geöffnet hat", sagt die arbeitslose Buchhalterin. In einer kurzen Ansprache berichtet Zuniga von den Demütigungen und Ausgrenzungen, die sie und andere HIV-positive Menschen täglich erfahren. Freunde vermeiden plötzlich den landesüblichen Begrüßungskuss, der Arbeitgeber findet einen Grund für die Kündigung, der Zahnarzt verweigert die Behandlung. Und nur wenige Betroffene wagen sich zu wehren, aus Angst vor öffentlicher Bloßstellung.
Nach Rosibel Zuniga ergreift Claudia Sánchez (Name geändert) das Wort. Sie ist ebenfalls HIV-positiv. Und als Transsexuelle ist sie in Costa Rica mit seinen traditionell geprägten Geschlechterrollen eine auffällige Erscheinung. Sie fasst sich kurz: „Danke für die Kirche ohne Wände, die uns unabhängig von unserer sexuellen Orientierung annimmt".
Verbannung von öffentlichen PlätzenDer gemeinsame Gottesdienst mit HIV-Positiven ist in Costa Rica etwas Ungewöhnliches. Denn die Ausgrenzung ist immer noch die Regel. 80 Prozent der Bürger des mittelamerikanischen Landes haben sich in einer Meinungsumfrage dafür ausgesprochen, HIV-positiven Menschen den Zugang zu öffentlichen Plätzen zu verbieten. Die Immunschwächekrankheit wird dabei immer noch als Problem einer Minderheit gesehen.
Bezeichnend ist die Erfahrung des Polizisten Daniel Molina (Name geändert): "Ich dachte immer, dass das mit dem Aids-Virus weit weg von mir ist. Aber dann hat sich jemand aus meiner Familie infiziert. Da erst wurde mir klar, dass niemand immun ist."
Immer mehr Frauen, immer mehr JugendlicheErfahrungen wie die des Polizisten Molina werden immer häufiger. 12 000 Menschen des 4-Millionen-Einwohner zählenden Costa Rica sind HIV-positiv, schätzt das Gesundheitsministerium. Das ist zwar ein im internationalen Vergleich moderater Wert.
Doch die Tendenzen sind beunruhigend. Täglich wird ein neuer HIV-Fall diagnostiziert. Und die Krankheit trifft nicht mehr nur die klassischen Risikogruppen, zu denen Menschen wie Claudia Sánchez gehören. Es sind mehr und mehr gewöhnliche Bürger, so wie Rosibel Zuniga, die die Diagnose „positiv" erhalten: Hausfrauen, heterosexuelle Männer, Heranwachsende.
Vor knapp zwei Jahren versuchte die Regierung erstmals, mit einer Kampagne Gegensteuer zu geben. Doch gefangen in traditionellen Wertvorstellungen geriet die Aufklärung kurz und verschämt. Enthaltsamkeit und Treue wurde in den Vordergrund gestellt. Es fiel kein Wort zur lateinamerikanischen Kultur des Macho, kein Wort zu den traditionell patriarchalen Beziehungen zwischen Mann und Frau, nichts zu Homosexualität, und nur wenige, versteckte Empfehlungen zum Gebrauch von Kondomen.
Selbst das Krankenhauspersonal ist schlecht informiert„Selbst das Personal in den Krankenhäusern ist schlecht informiert", sagt Miguel Rojas, für die HIV-Prävention zuständiger Mitarbeiter bei der ILCO. „Die Bevölkerung weiß noch viel weniger. Dabei sind die, die sich anstecken immer jünger. Das heißt, dass die Jugendlichen keine gute Sexualerziehung haben. Aber wir dürfen nicht schweigen. Die Epidemie zwingt uns, offen zu reden, über unsere Sexualpraktiken, über unsere Lebensstile."
"Fundamentalistische Kirchen verhindern Aufklärung"Für den Psychologen Rojas sind es die „fundamentalistischen religiösen Gruppen", die in Costa Rica eine offene Diskussion über HIV und Aids verhindern. Ohne konkrete Namen zu nennen spielt Rojas damit auf die in Costa Rica dominante katholische Kirche an, aber auch auf die zunehmende Zahl dogmatischer evangelikaler Glaubensgemeinschaften. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Aids als Folge eines sündigen Lebenswandels darstellen - und dass sie bisher genügend politischen Einfluss haben, um eine breit angelegte Aufklärung zu verhindern.
Die ILCO mit ihren landesweit acht vollamtlichen Pastoren nimmt damit eine einzigartige Stellung in Costa Rica ein. Unter den rund 300 Glaubensgemeinschaften des Landes ist die lutherische Kirche bisher die einzige, die sich für einen offenen Umgang mit HIV und Aids ausgesprochen hat. Seit mehr als zwei Jahren bietet sie spirituelle Begleitung für HIV-positive Menschen an, lädt zu gemeinsamen Gottesdienste ein und veranstaltet Workshops mit Betroffenen.
„Unsere Mentalität darf nicht die Ursache unserer Krankheiten sein"Gemeinsam mit HIV-Organisationen mischt sich die ILCO auch in die Politik Costa Ricas ein. Im vergangenen Jahr hat sie an der Regierungsanhörung zur neuen Aids-Strategie teilgenommen und erhält dafür dankbar Anerkennung. Die für das Dossier zuständige Vizegesundheitsministerin Lidieth Carballo sagt: „Ich wünschte mir, es gebe mehr solcher Kirchen wie die ILCO".
Neue Töne sind seither selbst vom Präsidenten des Landes zu vernehmen, dem Friedensnobelpreisträger Oscar Arias: „Wir dürfen nicht glauben, nur weil wir das Problem Aids nicht erwähnen, würde es verschwinden", mahnte er im Dezember seine Landsleute, und warnte vor den Folgen von Schweigen und Diskriminierung: „Unsere Mentalität darf nicht die Ursache unserer Krankheiten sein."
Brot für die Welt investiert in ganz Lateinamerika mehr in PräventionSchweigen und Diskriminierung aufzubrechen ist die ILCO angetreten. Ihr Budget dafür ist bescheiden. Rund 30 000 Dollar jährlich gibt die lutherische Kirche Costa Ricas für Aidsprävention und Arbeit mit HIV-positiven Menschen aus. Zwei Drittel davon kommen ab dem Jahr 2008 von „Brot für die Welt". Die Unterstützung ist Teil der Aidsprävention, die das evangelische Hilfswerk in ganz Lateinamerika verstärken will. Darum wird nicht nur die ILCO, sondern werden insgesamt zwölf Organisationen (elf weitere Organisationen) des Subkontinents ab Januar 2008 in der Aidsvorsorge ausgebildet.
In den meisten Ländern Lateinamerikas (einschließlich der Karibik) ist die Lage ähnlich wie in Costa Rica. Rund 1,8 Millionen Latinos und Latinas sind HIV-positiv, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Die Infektionsrate auf dem Subkontinent beträgt damit durchschnittlich 0,5 Prozent, ein moderater Wert. Doch mit zunehmenden Ansteckungen von Frauen, Jugendlichen und heterosexuellen Männern droht eine epidemische Ausweitung der Krankheit.
Handeln, bevor es zu spät istHandeln, bevor es zu spät ist. Das ist der Grund für das verstärkte Aids-Engagement von Brot für die Welt. Die Verantwortliche in Costa Rica, Maika Bissinger, verweist auf die Erfahrungen aus Afrika, wo man auf das Problem nicht rechtzeitig eingegangen sei. „Das hat Brot für die Welt gezeigt, dass es in anderen Teilen der Welt, wo es noch möglich ist, die Pandemie zu stoppen, einer größeren präventiven Anstrengung bedarf. Darum hat man nun beschlossen, dass HIV und Aids quer durch alle Projekte in Lateinamerika berücksichtigt werden muss, ganz gleich welches Thema sie betreffen."
Die lutherische Kirche Costa Ricas nimmt dabei für Brot für die Welt eine ganz besondere Stellung in Präventionsarbeit ein. Maika Bissinger sagt über die ILCO: „Abgesehen von der konkreten Erfahrung, die sie hat, ist sie besonders interessant, weil es sich um eine Kirche handelt. Sie trägt einen alternativen theologischen Diskurs bei, der die traditionellen religiösen Paradigmen in Frage stellt."
Der hartnäckige Mythos von der Strafe GottesWas dieser alternative theologische Diskurs für HIV-positive Menschen bewirkt, kann in Costa Rica wohl niemand besser beurteilen, als Manuel Agüero. Er ist Sekretär der mit 100 Mitgliedern grössten Selbsthilfe-Organisation, der ASOVIHSIDA. Agüero hatte sich früher auf ein Studium der katholischen Theologie vorbereitet, bis ihn die Diagnose „HIV-positiv" veranlasste, einen anderen Lebensweg einzuschlagen. Heute sagt er: „Bei HIV schwingt eine religiöse Bedeutung mit. Die betroffene Person glaubt plötzlich, dass es eine Bestrafung für ihre sexuellen Präferenzen ist. Da ist die lutherische Kirche gekommen und hat uns spirituelle Unterstützung gegeben."
Weiter sagt Agüero: „Die ILCO ist eine der Kirchen mit der grössten Öffnung für das Thema Geschlechterrollen. Sie sind zum Beispiel gekommen, weil sie eine transsexuelle Person kennenlernen wollten. Sie haben in der Theologie gefischt, um eine Auslegung des Evangeliums als solches zu erhalten, damit diese Person sich kein Stigma auflädt."
Die theologische Arbeit hat laut Agüero konkrete Folgen für den politischen Erfolg seiner Organisation. „Wie kann ich auf politischer Ebene arbeiten, wenn ich zugleich glaube, dass HIV eine Strafe Gottes ist? Darum ist es sehr wichtig, dass eine so starke Glaubensgemeinschaft wie die lutherische Kirche mit uns an diesen Dingen arbeitet. So kann die betroffene Person Kraft schöpfen. Und plötzlich beherrscht sie viele Mechanismen auf politischer Ebene."
"Warum gibt es nicht mehr solcher Orte?"Ähnlich sieht es Rosibel Zuniga, die arbeitslose Buchhalterin. Unter großen Entbehrungen baute auch sie eine Selbsthilfeorganisation auf, die sich speziell an HIV-positive Frauen richtet. Die ILCO unterstützte deren Öffentlichkeitsarbeit. Doch mehr noch schätzt Zuniga die theologische Arbeit der ILCO - und hofft, dass andere Kirchen des Landes dem Beispiel folgen: „Ich danke Gott, dass er mir Gelegenheit gegeben hat, die lutherische Kirche kennenzulernen. Warum gibt es nicht mehr solcher Orte, wo wir Erleichterung bekommen?"
* Die Namen der Transsexuellen Claudia Sánchez und des Polizisten Daniel Molina wurden um des Persönlichkeitsschutzes willen geändert. Die anderen erwähnten Personen erklärten sich damit einverstanden, mit ihrem richtigen Namen zitiert zu werden.