Der neue Präsident Guatemalas, Alvaro Colom, hat anlässlich seiner Amtseinsetzung am Montag (Ortszeit) der Armut den Kampf angesagt. "Heute beginnt das Vorrecht der Armen" sagte der frühere Textilunternehmer in seiner Antrittsrede vor zehn lateinamerikanischen Amtskollegen und weiteren ausländischen Staatschefs. Zudem will Colom die epidemische Alltagsgewalt und den verbreiteten Rassismus gegen die Nachfahren der Maya-Ureinwohner überwinden.
Mit Colom regiert erstmals seit über 50 Jahren wieder ein linksgerichteter Präsident das mittelamerikanische Land. Der Ingenieur, der selbst die Maya-Religion praktiziert, kündigte einen gemäßigt linken Kurs an. "Es wird eine Sozialdemokratie mit dem Antlitz der Maya und dem Geschmack von Tortilla sein, mit freiem Markt soweit möglich und Staat wo nötig." Als Vorbilder nannte Colom die aktuellen sozialdemokratischen Regierungen in Chile und Brasilien. Hingegen grenzte er sich deutlich vom linkspopulistischen Kurs seines venezolanischen Amtskollegen Hugo Chavez ab.
Colom hatte sich am vergangenen 4. November in der Stichwahl gegen den Rechtskandidaten Otto Perez Molina überraschend deutlich durchgesetzt. Doch die Regierungsbildung ist unter dem Druck der Interessengruppen seither schleppend verlaufen. Erst am Tag seiner Amtseinsetzung gab Colom die Besetzung des Innen- und des Verteidigungsministeriums bekannt. Ersteres wird vom Wunschkandidaten der USA, Vinicio Gómez übernommen. Letzteres geht in die Hände des Generals Marco Tulio García, laut einheimischer Presse ein führender Geheimdienstoffizier unter der früheren Militärdiktatur von Jorge Serrano Elías.
Guatemalas neues Parlament trat bereits am Sonntag zu seiner ersten Sitzungen zusammen. Coloms "Union der Nationalen Hoffnung" ist darin mit 51 Sitzen stärkste Partei, verfügt aber nicht über die absolute Mehrheit der insgesamt 158 Abgeordneten.
Von den 13 Millionen Einwohnern Guatemalas leben 51 Prozent in Armut. Vor allem davon betroffen sind Indios, die rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Guatemalas letzter linker Präsident, Jacobo Arbenz, stürzte 1954 nach einem von den USA unterstützten Staatsstreich. Es folgten bis Mitte der 80er Jahre Militärregierungen, die große Massaker an der Urbevölkerung anrichteten. Der bereits in den 60er Jahren aufgeflammte Bürgerkrieg endete erst 1996, doch Frieden herrscht in dem mittelamerikanischen Land immer noch nicht. Rund 6000 Menschen fallen derzeit jährlich Gewalttaten zum Opfer.