(Teil der epd-Serie zu den kommenden Olympischen Spielen in Peking)
Am 2. Oktober 1968 um 18.10 Uhr neigte sich eine weitere Protestkundgebung von Mexikos Studentenbewegung eilig dem Ende zu. Denn die Kulisse war bedrohlich: 300 Armeepanzer hatten zu diesem Zeitpunkt den „Platz der Drei Kulturen" im Hauptstadtviertel Tlatelolco umstellt. Ein Helikopter warf bengalische Feuer ab.
„Von diesem Moment an verwandelte sich der 'Platz der Drei Kulturen' in ein Infierno", berichtet die mexikanische Schriftstellerin Elena Poniatowska. Aus den umliegenden Hochhäusern und von allen Seiten des Platzes prasselte Gewehrfeuer auf die eingekesselten Menschen und traf gleichermaßen Schüler, Studenten, Kinder, Großmütter, Anwohner und Passanten.
Tlatelolco:, 2.10.198: Viele vermeintliche oder tatsächliche Studentenführer wurden verhaftet. Manche wanderten für Jahre hinter Gitter. Andere verschwanden spurlos.
Die von der Regierung kontrollierte Presse Mexikos berichtete spärlich von einer „Schlacht zwischen Terroristen und Soldaten", mit 29 Toten. Die Auslandspresse hingegen zählte 325 Tote und mehrere Tausend verletzte Personen. Eine davon war die – 2006 verstorbene - italienische Starreporterin Oriana Fallaci. Noch vom Krankenhaus in Mexiko aus versuchte sie, die Sportdelegation ihres Landes zu einem Boykott der Olympiade zu bewegen.
Doch im Ausland wollte niemand etwas von Fallacis Boykottforderung hören. Denn die Weltgemeinschaft war mit dem Kalten Krieg beschäftigt. Was interessierte, war der sportliche Wettkampf zwischen US-Amerikanern und Russen, zwischen West- und Ostdeutschen, zwischen Nord- und Südkoreanern - nicht aber Tlatelolco.
Tlatelolco, 2.10.1968: Die offizielle Presse zählte 29 Tote, Auslandsreporter hingegen 325 Tote. Die Krankenhäuser in Mexiko Stadt waren überfüllt, mit Toten und Schwerverletzten in den Gängen.
1968 demonstrierten auf der ganzen Welt Studenten, in Kalifornien, in Berlin, in Paris, und auch in Mexiko. Dort protestierten sie gegen die autoritäre Einparteienherrschaft, forderten die Freilassung der politischen Gefangenen und einen öffentlichen Dialog mit der Regierung.
Mexikos damaliger Präsident Gustavo Díaz Ordaz (1964-70), ein leidenschaftlicher Antikommunist und Ordnungsfanatiker, antwortete mit Repression. Zur Seite stand ihm sein loyaler Innenminister und späterer Amtsnachfolger Luis Echeverría (1970-76).
Mexiko 1968 sah nicht viel anders aus als Berkeley, Paris oder Berlin. Doch nur in Mexiko sollten die Proteste mit einem Blutbad enden.
„Das einzige Land, in dem die Studentenbewegung mit einem Massaker endete, ist Mexiko. Das sagt viel über Mexiko und über uns", resümiert Poniatowska. Die heute 75-jährige gebürtige Mexikanerin, eine direkte Nachfahrin des letzten polnischen Königs, begann noch während der Olympiade mit den Recherchen zu ihrem Buch, das bis heute Beststeller bleiben sollte: „Die Nacht von Tlatelolco".
„Ich glaube, dass das wichtigste Motiv für das Massaker die herannahenden olympischen Spiele waren", urteilt Poniatowska. Denn erstmals sollten die Spiele in Lateinamerika stattfinden. Da wollte sich das wirtschaftlich aufstrebende Land von seiner besten Seite zeigen. Doch Mexikos Jugend spielte nicht mit. Sie suchte den Kontakt mit Fallaci und anderen Auslandskorrespondenten, um ihre Forderungen kundzutun. „Das war das, was die Regierung am meisten ärgerte", sagt Poniatowska.
Am 10. Oktober 1968, eine Woche nach der Nacht von Tlatelolco, eröffnete Präsident Díaz Ordaz die XIX Olympischen Spiele mit einem riesigen Ballon in Form einer Friedenstaube. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich mehr als 2000 vermeintliche oder tatsächliche Studentenführer in Haft und wurden gefoltert.
Das Schlimmste sei die Zeit nach dem Massaker gewesen, erinnert sich einer der von Poniatowska befragten Überlebenden. Denn in Mexiko ging der Alltag weiter, als sei nichts geschehen. „Es herrschte eine fürchterliche Polizeiüberwachung", erinnert sich die Schriftstellerin an die gespenstische Zeit der Olympiade. „Die meisten Mexikaner taten so, als wüssten sie von nichts."
Noch immer tut sich Mexiko schwer mit der Vergangenheitsbewältigung. Links: Ein 2007 eingeweihtes Mahnmal. Rechts: Ein 2006 auf Tlatelolco inszeniertes Theaterstück.
Die Aufarbeitung von Tlatelolco sollte in Mexiko erst 1998 beginnen, als der damals neu gewählte linke Bürgermeister, Cuauhtémoc Cardenas, zum 30. Jahrestag auf Halbmast flaggen ließ. Immer mehr Überlebende und Hinterbliebene wagen es seither, sich an die Öffentlichkeit und die Gerichte zu wenden, bisher ohne Erfolg.
Díaz Ordaz starb bereits 1979. Echeverría lebt heute unbehelligt in Mexiko Stadt. Ein letztes Verfahren gegen ihn wurde von der Justiz 2006 wegen Verjährung abgewiesen.
Im Sande verlaufen ist auch die von Mexikos Regierung 2001 angekündigte Veröffentlichung von geheimen Unterlagen aus der Zeit des Massakers. Einige mit der Aufarbeitung betraute Experten behaupteten zwar 2006, Belege für die Verantwortung von Díaz Ordaz und Echeverría gefunden zu haben. Ihr Bericht wurde von der Regierung jedoch nur in einer bereinigten Fassung veröffentlicht, die wenig Neues brachte.
Wer für das Gemetzel vor fast 40 Jahren verantwortlich ist, und wieviele Menschen dabei starben, ist bis heute nicht geklärt.







