Kolumbien rückt Schweiz ins Zwielicht

Nur wenige Tage nach der Befreiung Ingrid Betancourts aus den Händen der FARC-Guerrilla gerät die Schweiz ins Zwielicht. Deren Mittelsmann in humanitären Fragen, Jean-Pierre Gontard, soll der FARC als Geldbote gedient haben, liess Kolumbiens Verteidigungsminister Juan Manuel Santos verlauten. Die Schweizer Botschaft in der Hauptstadt Bogota reagierte prompt: Sie lobte Gontards Verdienste - und distanzierte sich deutlich von ihm.

Mexiko Stadt. Die Schweiz hat sich von ihrem humanitären Vermittler in Kolumbien, Jean-Pierre Gontard, distanziert. "Weder seine Handlungen noch seine Aussagen verpflichten notwendigerweise die Schweizer Regierung", heisst es in einer am Sonntag (Ortszeit) vom Schweizer Botschafter in Kolumbien, Thomas Kupfer, verbreiteten Erklärung. Darin weist Kupfer ausdrücklich darauf hin, dass Gontard nicht Diplomat der Schweiz sei, sondern lediglich externer Berater deren Regierung.

Damit reagierte die Schweiz überraschend schnell auf Vorwürfe von Kolumbiens Verteidigungsminister Juan Manuel Santos. Dieser hatte in einem am Sonntag von Kolumbiens Tageszeitung "El Tiempo" veröffentlichten Interiew Gontard beschuldigt, der linken Guerilla Kolumbiens (FARC) eine halbe Million US-Dollar überbracht zu haben. ((Es soll sich um jenes Geld gehandelt haben, das im April bei der Verhaftung eines geflohenen FARC-Kämpfers in Costa Rica sichergestellt wurde.))

"Dieser Herr Gontard wird erklären müssen, warum er in den E-Mails von Raúl Reyes als Überbringer auftaucht", sagte Santos. Dabei spielte der Verteidigungsminister auf einen sichergestellten Laptop des Anfang März getöteten FARC-Kommandanten Reyes an, der die internationale Korrespondez der Guerillagruppe dokumentiert. Diese Daten wurden mittlerweile von Interpol als echt bestätigt, sind aber nicht öffentlich bekannt. Laut Kolumbiens Regierung belegen sie die Komplizenschaft ausländischer Regierungen mit der FARC. Nachdem bisher nur Venezuela, Ecuador und Nicaragua ins Zwielicht geraten waren, ist es das erste Mal, dass in diesem Zusammenhang auch die Schweiz auftaucht.

Gontard ist zusammen mit dem Franzosen Noel Saez gemeinsamer Beauftragter der Schweiz, Frankreichs und Spaniens in deren gemeinsamen Bemühen, humanitäre Lösungen in Kolumbiens Kampf mit der FARC-Guerrilla zu suchen. Mit ausdrücklicher Billigung von Kolumbiens Regierung unterhält der Genfer Professor darum seit Jahren Kontakte mit der FARC. Er hat sich bisher mindestens 22 mal mit deren obersten Führung getroffen.

So war es Gontard unter anderem gelungen, die Freilassung von zwei Mitarbeitern eines Schweizer Unternehmens in Kolumbien im Jahr 2001 zu bewirken. Möglicherweise hat das Unternehmen Gontard dabei mit der Überbringung eines Lösegelds betraut, deutete die Schweizer Botschaft gestern (So 6. Juli) in Kolumbien an. Das widerspricht allerdings den Erklärungen von Kolumbiens Verteidigungsminister Santos, der Gontard ausdrücklich mit jüngst in Costa Rica sichergestelltem Geld in Verbindung brachte.

Gontard war von der Schweizer Presse wiederholt geistige Nähe zur FARC-Guerrilla vorgeworfen worden. In diese Richtung zielte auch das offenbar inszenierte Interview von "El Tiempo" mit Santos, wo der Verteidigungsminister früher selbst als Journalist gearbeitet hatte. "Ist Gontard zum Verbündeten der Guerrilla geworden?" lässt sich Santos dort fragen, und verweigert vielsagend die Antwort: "Nicht ein Wort mehr!"

Gontard und Saez befanden sich zuletzt bis vergangenen Montag (30. Juni) in Kolumbiens Guerrillagebiet. Dabei verhandelten sie erstmals mit einem Vertrauensmann der neuen FARC-Führung unter Alfonso Cano. Wie Saez nach seiner Rückkehr nach Paris gestern (Sonntag 6.7.) berichtete, unterbreiteten sie der Guerrilla Vorschläge zur Freilassung von Betancourt und weiteren der bis zu 700 Geiseln in der Hand der FARC.

Doch gleichzeitig bereitete Kolumbiens Militär die Befreiung von Betancourt und 14 weiteren FARC-Geiseln vor. Sie gelang vergangenen Mittwoch, zwei Tage nach der Abreise der beiden europäischen Emissäre aus dem Guerrillagebiet.

Seither überschlagen sich die Gerüchte über die Rolle der beiden Europäer in der Geiselbefreiung. Militärvertreter in Bogota sprechen zwar von Zufall. Demnach waren die Verhandlungen von Gontard und Saenz völlig unabhängig von der Geiselbefreiung, die rein zufällig gleichzeitig stattfand.

Doch linke Medien in Lateinamerika werfen Kolumbiens Regierung vor, die Verhandlungen der Europäer systematisch zu torpedieren. Demnach sollen Gontard und Saenz bereits die Übergabe von Betancourt vereinbart haben, worauf Kolumbiens Militär sich kurz entschlossen einschaltete, um den beiden die Show zu stehlen.

Noch weiter gehen die beiden der FARC nahestehenden Nachrichtenagenturen Anncol und Rebelión. Sie werfen Gontard und Saenz vor, Pate gestanden zu haben für eine inszenierte Befreiung der Geiseln durch das Militär. Die Theorie der Inszenierung, vergangenen Freitag erstmals vom Westschweizer Radio verbreitet, soll Kolumbiens Regierung besonders erzürnt haben. Kein Wunder, ist man in Bogota derzeit nicht gut auf die Schweiz zu sprechen.