200 000 Häuser zerstört oder beschädigt - 75 Prozent der Ernte verloren - Nickelproduktion gestoppt - schwere Schäden an Straßen, Brücken und Industrie - Havanna und große Teile des Landes immer noch ohne Strom
Zwei Hurrikane innerhalb von zehn Tagen haben Kuba landesweit verwüstet. Eine erste inoffizielle Schätzung geht von zehn Milliarden US-Dollar Schaden aus. Doch die angebotene staatliche Nothilfe aus Europa will die kommunistische Regierung nicht annehmen - und noch weniger die vom Erzfeind USA.
Mexiko Stadt / Havanna. Noch ist die Hauptstadt Havanna großteils ohne Strom, wie auch der Rest des Landes. Durch überflutete Straßen und zwischen umgestürzten Masten kehren die Menschen seit Mittwoch in ihre Häuser zurück - oder in das, was von ihnen übriggeblieben ist. Allein in Havanna sind 370 altersschwache Gebäude unter den Sturmböen und Regenmassen der vergangenen Tage eingestürzt.
"Es gibt im ganzen Land große Schäden. Das ist ein schwerer Schlag für Kuba", sagte Richard Haep, Regionaldirektor der deutschen Welthungerhilfe in Havanna, am Mittwoch (Ortszeit) auf Anfrage. Er schätzt die Zerstörungen der beiden letzten Hurrikane auf rund zehn Milliarden US-Dollar (7,2 Mrd. Euro, 11,4 Mrd Franken). Das ist ein Fünftel der jährlichen Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt) der Insel. Haep befürchtet, dass Kuba in den kommenden sechs Monaten nur mit Mühe die Mindestversorgung mit Lebensmitteln aufrecht erhalten kann: "Es wird sehr, sehr schwierig werden. Die Kubaner werden den Gürtel enger schnallen müssen."
Fidel Castro: wie ein "Nuklearschlag"
Bereits vor einer Woche (3.9.) schrieb der kranke Ex-Präsident Fidel Castro in der Parteizeitung "Granma" von einem "Nuklearschlag" für Kuba. Damit bezog er sich auf den Hurrikan "Gustav", der (am 30.8.) im Westen Kubas Häuser, Strommasten und die devisenträchtige Tabakernte dem Erdboden gleichmachte. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Anfang der Woche (8. und 9.9.) überquerte Hurrikan "Ike" die Antilleninsel der Länge nach von Ost nach West. Die Behörden evakuierten 2,5 Millionen Menschen, fast jeden vierten Einwohner. So gab es nur fünf Todesopfer zu beklagen. Aber die Sachschäden sind immens.
Noch hat Kubas Regierung keine Bilanz vorgelegt. Doch die vorläufige Liste, die Haep aufgrund der Meldungen aus den Provinzen präsentiert, ist eindrücklich: Im ganzen Land sind Straßen, Brücken, Strom- und Telefonleitungen zerstört, ebenso Lebensmittellager. Viele Orte sind noch überschwemmt oder von der Außenwelt abgeschnitten. Die Industrie steht still, darunter auch der für den Export wichtige Nickelabbau. Nur Krankenhäuser und lebenswichtige Betriebe laufen derzeit mit Notstromaggregaten. Dazu kommen 200 000 beschädigte oder zerstörte Wohnungen und Häuser. "Das verschärft den bereits bestehenden Wohnungsmangel", sagte Haep.
Rückschlag für Raúl Castros Agrarreform
Einen Rückschlag bedeuten die Hurrikane auch für die zögerliche Agrareform unter Präsident Raúl Castro. Erst kürzlich leitete er eine behutsame Teilprivatisierung von Kubas Landwirtschaft ein, um deren Effizienz zu erhöhen. Denn bisher muss Kuba 86 Prozent seiner Grundnahrungsmittel importieren. Das kostet das devisenschwache Land fast zwei Milliarden US-Dollar jährlich, mit stark steigender Tendenz. Dabei ist die inländische Landwirtschaft jetzt noch mehr am Boden. Die aktuelle Ernte wurde durch die Hurrikane im Durchschnitt zu 75 Prozent zerstört. Und bei Kubas Grundnahrungsmittel Maniok und Kochbananen ist gar ein Totalausfall zu befürchten, schätzt Haep.
In ihren ersten offiziellen Stellungnahmen bereitete Kubas Regierung die Bürger auf harte Zeiten vor. "Unsere Wirtschaft hat einen schweren Schlag erlitten", sagte Kubas Nummer Zwei, José Ramón Machado (offiziell: erster Vizepräsident) gegenüber den staatlichen Medien. Und Fidel Castro rief in militärischem Jargon das Volk dazu auf „zu kämpfen und zu siegen".
Hinweise auf Devisenprobleme
Zugleich mehrten sich die Signale für ernsthafte Devisenprobleme in Kuba. So erhöhte die Regierung vergangenen Montag (8.9.) die Treibstoffpreise überraschend um bis zu 87 Prozent. Bereits kurz vor den Hurrikanen kam Kuba in zwei Fällen seinen Zahlungsverpflichtungen im Ausland nicht nach und bat weitere Gläubiger um Aufschub.
Hilfe aus der ganzen Welt - aber nicht aus den USA
Spanien, Russland, Venezuela, Brasilien, Mexiko, Osttimor und China leisteten in den vergangenen Tagen bereits Nothilfe für Kuba oder kündigten sie an. Ein Hilfsangebot der EU der vergangenen Woche schlug Kuba allerdings ebenso aus wie ein symbolisches Angebot der USA über 100 000 US-Dollar. Bereits in den vergangenen Jahren weigerte sich Kuba aus politischen Gründen, staatliche Hilfe der USA oder der EU anzunehmen. Allerdings deutet sich an, dass Kuba seine harte Haltung überdenkt. So nahm die Regierung erstmals ein Hilfsangebot der Vereinten Nationen an, die drei Millionen US Dollar bereitstellten.
Nicht betroffen von Kubas Empfangsblockade ist aus privaten Spenden finanzierte Hilfe, wie sie auch die Welthungerhilfe in Kuba betreibt. Haep bat darum dringend um weitere Spenden für Nothilfe und Wiederaufbau. Zugute kommen sollen sie privaten Bauern und Kooperativen im Osten der Insel.