„Nationales Desaster“ auf Kuba

Veröffentlichte Fassung: NZZaS (14.9., pdf)

In Kuba droht eine Versorgungskrise, nachdem das Land schwerer als in den Vorjahren von Hurrikanen getroffen wurde. "Man kann von einem nationalen Desaster sprechen. Es wird sehr, sehr schwierig werden", sagte Richard Haep von der deutschen Welthungerhilfe in Havanna.

Im gesamten Land sind Häuser, Produktionsanlagen, Strassen und Stromleitungen zerstört. Denn Hurrikan "Ike" durchquerte Anfang der Woche (8.9. und 9.9.) die Insel der Länge nach. Bereits eine Woche zuvor (30.8.) hatte Hurrikan "Gustav" den Westen Kubas verwüstet. Damit sind alle elf Millionen Einwohner von den Folgen der Unwetter betroffen.

Die Vereinten Nationen und andere ausländische Organisationen auf Kuba gehen von einem Gesamtschaden zwischen drei und zehn Milliarden US-Dollar (3,4 bis 11 Milliarden Franken) aus. Letzteres entspricht einem Fünftel von Kubas jährlicher Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandprodukt).

Kuba räumte indirekt ein, auf Hilfe angewiesen zu sein. Es sei „unmöglich, dem Ausmaß der Katastrophe mit den verfügbaren Ressourcen zu begegnen", schrieb die Parteizeitung „Granma". Ein europäischer Diplomat in Havanna sagte dazu: "Kubas Regierung kann die Situation nicht aus eigener Kraft bewältigen. Sie braucht massive Hilfe aus dem Ausland".

Die Regierung sagte am Samstag die für kommenden November geplanten Armeemanöver ab. Stattdessen sollen die Soldaten jetzt beim Wiederaufbau helfen.

Laut den bisher in den Staatsmedien veröffentlichten Informationen zerstörten die beiden Hurrikane 91 000 Häuser und Wohnungen total und beschädigten mehr als 400 000 weitere Wohneinheiten. An Lebensmitteln gingen 700 000 Tonnen Vorräte verloren sowie nahezu die gesamte einheimische Ernte an Grundnahrungsmitteln. Einbußen sind auch bei Kubas Exportprodukten Zucker und Tabak zu erwarten.

Verschärft wird damit Kubas Versorgungsproblem. Das Land muss bereits bisher 85 Prozent seiner Grundnahrungsmittel importieren. Dafür waren im laufenden Jahr 2,6 Milliarden US-Dollar (2,9 Mrd Franken) vorgesehen.

Derweil trafen in Kuba die ersten Hilfslieferungen aus Russland, China, Brasilien und anderen Ländern ein. Ein Hilfsangebot der USA über 100 000 US-Dollar (113 000 Franken) lehnte Kuba jedoch als „lächerlich" ab und forderte stattdessen von Washington die Aufhebung des Handelsembargos. Ebenfalls nicht eingegangen ist Kuba auf ein Hilfsangebot der Europäischen Union.